In unserer aktuellen Podcast-Folge nimmt Dr. Harald Borbe einen besonders spannenden Fall auf, welcher durch amerikanische Forscher vorgestellt wurde – eine spontane HIT ohne Heparin-Exposition. Wie diese Nebenwirkung entstehen konnte und welche Therapiemöglichkeiten angestrebt werden, erfahren Sie in diesem spannenden Podcast.
Lüsebrink et al. (2023) – Die heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT) ist eine schwerwiegende, immunologisch vermittelte unerwünschte Arzneimittelwirkung von unfraktioniertem Heparin (UFH), die auch Patienten betrifft, die sich einer venoarteriellen extrakorporalen Membranoxygenierung (VA-ECMO) unterziehen. Obwohl der Zusammenhang zwischen der VA-ECMO-Unterstützung und der Entwicklung einer Thrombozytopenie seit langem bekannt ist und diskutiert wird, ist die HIT als eine der zugrundeliegenden Ursachen immer noch unzureichend bekannt. Ziel dieser Studie war es daher, die Epidemiologie, Mortalität, Diagnose und klinische Behandlung von HIT bei VA- ECMO-Patienten, die mit UFH behandelt werden, näher zu untersuchen.
Methodisch wurde eine retrospektive Studie an erwachsenen Patienten (≥18 Jahre) mit VA- ECMO-Unterstützung auf der kardiologischen Intensivstation (ICU) des Universitätsklinikums München (LMU) zwischen Januar 2013 und Mai 2022 durchgeführt, wobei Patienten mit einer bekannten HIT-Vorgeschichte bei der Aufnahme ausgeschlossen wurden. Unterschiede in den Ausgangscharakteristika und klinischen Ergebnissen zwischen ausgeschlossenen HIT- (positiver Anti-Plättchen-Faktor 4 (PF4)/Heparin-Antikörpertest, aber negativer Funktionstest) und bestätigten HIT- (positiver Anti-PF4/Heparin-Antikörpertest und positiver Funktionstest) VA-ECMO-Patienten sowie die Diagnose und das klinische Management von HIT wurden analysiert.
Unter den 373 eingeschlossenen Patienten wurden bei 53/373 (14,2 %) Patienten Anti- PF4/Heparin-Antikörper nachgewiesen. Der funktionelle HIT-Test bestätigte eine HIT in 13 Fällen (3,5 %) und schloss eine HIT in 40 Fällen (10,7 %) aus, was einer Prävalenz der bestätigten HIT von 13/373 (3,5 %) [1] [6] [5] [3] und einem positiven Vorhersagewert (PPV) von 24,5 % für den Antikörper-Screening-Test entspricht. Der Thrombozytenverlauf einschließlich der Erholung der Thrombozyten nach Beginn der Argatroban-Behandlung war in allen
Gruppen ähnlich. Die Einmonatsmortalität betrug bei Patienten mit ausgeschlossener HIT 14/40 (35 %) und die Dreimonatsmortalität 17/40 (43 %), verglichen mit 5/13 (38 %) (p > 0,999) und 6/13 (46 %) (p > 0,999) bei Patienten mit bestätigter HIT. Das neurologische Ergebnis, gemessen an der zerebralen Leistungskategorie der Überlebenden bei der Krankenhaus- entlassung, war in beiden Gruppen ähnlich, ebenso wie die unerwünschten Ereignisse während der VA-ECMO-Therapie. Daraus lässt sich schließen, dass mit einer Prävalenz von 3,5 % eine HIT eine nicht häufige Komplikation bei Patienten unter VA-ECMO ist und nicht mit einer höheren Sterblichkeitsrate verbunden war. Bei 75 % der VA-ECMO-Patienten mit klinischem Verdacht auf HIT und positivem Anti-PF4/Heparin-Antikörpertest konnte eine HIT letztlich durch einen funktionellen Test ausgeschlossen werden. Argatroban scheint eine geeignete und sichere therapeutische Option für bestätigte HIT-positive Patienten mit VA- ECMO-Unterstützung zu sein. (Quelle: https://doi.org/10.3390/jcm12010362 )
Zeibi Shirejini et al. (2023) publizierten einen Übersichtsartikel zum Thema ECMO. Die Autoren weisen auf die Gratwanderung zwischen Blutung und Thrombose hin. Zu den Hauptursachen für Thrombosen bei ECMO-Patienten gehören der Kontakt des Blutes mit thrombosefördernden und unphysiologischen Oberflächen, sowie die hohen Scherkräfte in der Pumpe und im Membranoxygenator. Andererseits sind unerwünschte Wirkungen von Antikoagulantien, Thrombozytopenie, Thrombozytenfunktionsstörungen, das erworbene von- Willebrand-Syndrom und Hyperfibrinolyse als Ursachen für Blutungen bekannt. Die Autoren beschreiben die Vor- und Nachteile von Antikoagulantien, die bei ECMO eingesetzt worden sind: Wirkungsmechanismus, übliche Dosierung, Monitoring-Assays, Halbwertszeit, Elimination (renal/hepatisch), Antidot, Verabreichung (i.v.; s.c.; p.o.) sowie Vor- und Nachteile der jeweiligen Substanz. Des Weiteren werden die Vor- und Nachteile der verschiedenen Gerinnungs-Assays beschrieben. Als ein Problem bei DTl’s (Argatroban, Bivalirudin) zur Antikoagulation bei ECLS wird das Fehlen eines Antidots aufgeführt, wobei bei einer Blutung die Infusion von DTl‘s aufgrund der kurzen Halbwertszeit gestoppt oder reduziert werden kann, um die Blutung zu stoppen. Argatroban wurde als Alternative zu UFH bei Verdacht auf HIT eingesetzt. (Quelle: https://doi.org/10.1186/s12959-023-00452-z )
Ein extrakorporales System zur Lungenunterstützung wurde erstmals 1972 bei einem Patienten mit akutem Atemwegssyndrom (ARDS, Acute Respiratory Distress Syndrom) beschrieben [1]. Inzwischen wird die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO; Extracorporeal Membrane Oxygenation) bzw. extrakorporale Unterstützung von Vitalfunktionen (ECLS; Extracorporeal Life Support) bei Patienten mit Lungen-/Lungen-Herzkreislaufversagen vielfältig eingesetzt. Wie auch bei anderen extrakorporalen Systemen führen Fremdoberflächen- und Scherkraft-bedingte Beeinträchtigungen der Thrombozytenfunktion zu prothrombotischen Zuständen, die eine kontinuierliche Antikoagulation für die Therapiedauer erforderlich machen. Bei ECMO schränken z.B. Gerinnselbildungen an der Oxygenatormembran den Blutfluss ein und reduzieren somit einen wirksamen Gasaustausch [2].
Üblicherweise wird für eine parenterale therapeutische Antikoagulation unfraktioniertes Heparin (UFH) eingesetzt. Eine lebensbedrohliche Nebenwirkung von UFH ist die Entwicklung einer immunologisch vermittelten heparininduzierten Thrombozytopenie Typ II (HIT II), die mit einem erhöhten Thromboserisiko einhergeht und eine Umstellung auf ein alternatives Antikoagulans erforderlich macht. Die Initiierung einer ECMO-Therapie führt ebenfalls zu einem Abfall der Thrombozytenzahl durch Thrombozytenverbrauch und zu einem erhöhten Thromboserisiko durch Aktivierung der Thrombozyten, so dass eine diagnostische Abgrenzung zwischen ECMO-bedingter bzw. heparininduzierter Thrombozytopenie schwierig ist. [3]
So sollte bei thromboembolischen Komplikationen und/oder Thrombozytopenien unter Heparin immer eine HIT II in Betracht gezogen werden. Choi et al. (2019) [4] fanden in einer Meta-Analyse von fünf retrospektiven Studien und einer Fallserie mit insgesamt 309 ECLS-Patienten 83 % mit HIT-Verdachtsdiagnose. Bei 8 % der 309 Patienten wurde die HIT labordiagnostisch bestätigt.
Bei einem HIT-Verdacht sollte jedoch unmittelbar auf eine alternative Antikoagulation umgestellt werden und nicht erst die labordiagnostischen Ergebnisse abgewartet werden. Als alternative Antikoagulanzien für eine parenterale therapeutische Antikoagulation sind Argatroban (Argatra®) [5] und Danaparoid (Orgaran®) [6] zugelassen. Argatroban ist ein synthetischer niedermolekularer direkter Thrombininhibitor (DTI) mit kurzer Halbwertszeit (ca. 50 min), der über die Leber eliminiert wird. Danaparoid, ein F Xa-Inhibitor, enthält eine Mischung niedermolekularer sulfatierter Nicht-Heparin-Glykosaminoglykane [6]. Bei Danaparoid besteht im Gegensatz zu Argatroban die Gefahr einer Kreuzreaktivität mit HIT-Antikörpern [7] [8]. Die Eliminationshalbwertszeiten der Anti-Xa-Aktivität und der Hemmung der Thrombinbildung betragen sowohl nach subkutaner als auch nach intravenöser Verabreichung 25 bzw. 7 h. Danaparoid wird über die Niere eliminiert.
Das am häufigsten bei ECLS-Anwendungen eingesetzte alternative Antikoagulans ist Argatroban (ELSO Anticoagulation Guideline 2014 [9]). Eine Infusion mit Argatroban sollte mit 0,2 – 0,5 μg/kg x min gestartet und so eingestellt werden, dass die 1,5- bis 3,0-fachen Ausgangswerte der aPTT eingehalten werden. Als alternative Gerinnungstests können aber auch der Ecarin chromogene Test (ECA-T) oder die verdünnte Thrombinzeit (dTT) verwendet werden. Dosierungen und aPTT- / ACT-Zielbereiche sind in der Tabelle 1 für erwachsene Patienten zusammengestellt.

Aufgrund der Heterogenität der in den einzelnen Fallberichten beschriebenen Patienten ist es schwierig, eine einheitliche Dosierungsempfehlung aus den Daten abzuleiten. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass in allen Fällen nach einer Initialdosis mit einer individuellen, den Erfordernissen des Patienten angepassten Erhaltungsdosis die angestrebten Zielbereiche von zumeist ca. 45 – 90 s (aPTT) bzw. 200 – 300 s (ACT) erreicht wurden. Es ist hierbei zu beachten, dass die Zielbereiche für ACT bzw. aPTT von den verwendeten Reagenzien abhängig sind.
Im Folgenden sollen vier Erfahrungsberichte näher beschrieben werden.
2007 publizierten Beiderlinden et al. (2007) [10] erste Ergebnisse zur Antikoagulation von ECMO-Patienten mit Argatroban. Bei neun ARDS-Patienten, die eine ECMO benötigten, bestand der Verdacht auf eine HIT II. Neben ECMO benötigten 8 Patienten zusätzlich eine kontinuierliche Hämodialyse (CVVH). Die Patienten wurden anfangs mit unfraktioniertem Heparin antikoaguliert. Die Heparin-Dosis wurde titriert, um eine aPTT-Verlängerung von 50 bis 60 s zu erreichen. Bei HIT II-Verdacht (Abfall der Thrombozytenzahl um mehr als 50 %) wurden die Heparin-Infusionen sofort gestoppt und Blutproben zur Durchführung von HIT-Tests und zur Beurteilung allgemeiner Gerinnungsvariablen entnommen. Bei 3 Patienten wurde die HIT II-Verdachtsdiagnose bestätigt. Nach dem Absetzen von UFH wurde unmittelbar mit einer Argatroban-Infusion ohne vorherige Bolusgabe begonnen. Eine bei einem Patienten eingesetzte Dosierung von 2,0 μg/kg x min erwies sich als zu hoch, so dass bei den anderen acht Patienten mit einer initialen Argatroban-Dosis von 0,2 μg/kg x min begonnen wurde. In den durchschnittlich vier Anwendungstagen konnte unter Argatroban mit einer mittleren Erhaltungsdosis von 0,15 μg/kg x min der angestrebte aPTT-Zielbereich von 50 bis 60 s erreicht werden, ohne dass ein Oxygenator-Clotting auftrat. Trotz der geringen Fallzahl zeigte diese Studie, dass sich Argatroban als wirksame und gut verträgliche Alternative zu UFH erwies.
Dolch et al. (2010) [11] beschreiben den Fall eines 40-jährigen ARDS-Patienten, bei dem nach 19 Tagen Heparin-Therapie die Thrombozytenzahlen von anfänglich >100 ✕ 109/l innerhalb von 24 h auf 60 ✕ 109/l abfielen. Aufgrund eines HIT II-Verdachts wurde Heparin abgesetzt und die Antikoagulation mit einer Argatroban-Infusion von 0,35 μg/kg x min fortgesetzt. Der Zielbereich der aPTT lag wie unter Heparin zwischen 45 und 60 s. Der HIT II-Verdacht wurde immunologisch bestätigt. Der Patient wurde über 95 Tage kontinuierlich mit Argatroban antikoaguliert. Die Autoren gehen auf Bedenken hinsichtlich der Verwendung eines Heparin-beschichteten ECMO-Systems ein, zumal Heparin-beschichtete Schaltungskomponenten (Oxygenator und Pumpenkopf) wiederholt ausgetauscht werden mussten.
Bei Patienten mit VADs (ventricular assist devices), die HIT II entwickelt haben wurden jedoch keine Unterschiede in der Prävalenz oder Persistenz von Heparin-PF4-Antikörpern oder thromboembolischen Ereignissen zwischen heparinbeschichteten ventrikulären Unterstützungssystemen (VADs) und unbeschichteten VADs nach Beendigung der Behandlung festgestellt [12].
Menk et al. (2017) [13] berichteten in einer retrospektiven Analyse über den Einsatz von Argatroban bei 39 Patienten mit ARDS, die eine ECMO erhielten. Im Vergleich mit 39 paarweise zugeordneten („gematchten“) Patienten, die Heparin erhielten, konnte gezeigt werden, dass die Rate an thromboembolischen Ereignissen in beiden Gruppen generell niedrig war und auch die anderen Parameter wie Blutungskomplikationen, Geräte-assoziierte Komplikationen und die Anzahl von Transfusionen vergleichbar waren. Im Verlauf der Antikoagulation mit Argatroban oder UFH zeigte sich, dass die Heparindosis im zeitlichen Verlauf von 500 IE/h auf 1000 IE/h erhöht werden musste, um eine aPTT im Zielbereich zu erzielen. Mit Argatrobandosierungen zwischen 0,2 und 0,3 μg/kg x min lag die aPTT über die Zeit relativ stabil im Zielbereich (Abbildungen 1 und 2). Die Autoren bewerten Argatroban als ein praktikables, effektives und sicheres Antikoagulans für kritisch kranke ARDS-Patienten mit extrakorporaler Lungenunterstützung.


In einer weiteren Untersuchung [14] bei 10 Patienten, die eine ECLS erhielten und die nach HIT II-Verdachtsdiagnose auf Argatroban umgestellt wurden, erwies sich Argatroban als eine sichere und sinnvolle Alternative zu UFH.
Die publizierten Ergebnisse zeigen, dass Argatroban eine gut verträgliche Alternative zu Heparin bei kritisch kranken Patienten mit ECMO / ECLS ist. Je nach Krankheitszustand des Patienten ist mit niedrigen initialen Dosierungen von Argatroban (z.B. 0,2 – 0,5 μg/kg x min) zu beginnen und die aPTT nach 2 bis 4 h zu bestimmen. Liegt die aPTT zu hoch oder zu niedrig, ist die Dosierung entsprechend anzupassen (z.B. in inkrementellen Schritten von 0,1 μg/kg x min).
Die Dosisempfehlung erfolgt auf der Basis der in den Tabellen 1 und 2 zusammengestellten Literatur und den Ergebnissen eines Experten-Workshops [15] für kritisch kranke ECMO / ECLS Patienten. Die Infusionsgeschwindigkeiten für verschiedene Dosierungen sind in Tabelle 2 zusammengestellt:

Zum Einsatz von Argatroban als alternatives Antikoagulans bei HIT II-Patienten, bei denen gefäßchirurgische Eingriffe vorgenommen wurden, liegen nur wenige Erfahrungen vor.
Ohteki et al. (2000) [1] untersuchten den Einsatz von Argatroban während und nach verschiedenen kardiochirurgischen bzw. gefäßchirurgischen Eingriffen. Bei 16 Patienten wurden periphere gefäßchirurgische Eingriffe einschließlich des Austauschs von Y-Grafts unter Antikoagulation mit Argatroban vorgenommen. Die Autoren untersuchten den Einfluss von drei Schemata auf die ACT (Zielwert 125 – 200 s):
Die Autoren verglichen die Charakteristika von Argatroban mit Heparin und heben als Vorteile von Argatroban hervor, dass die Substanz ein niedriges Molekulargewicht hat, keine Antigenität aufweist, freies und Gerinnsel-gebundenes Thrombin direkt ohne Cofaktoren inhibiert und keine negativen Effekte auf die Thrombozytenfunktion oder die fibrinolytische Aktivität ausübt. Das Fehlen einer, die Wirkung von Argatroban neutralisierenden Substanz, wird als einziger Nachteil gesehen, der aber durch die kurze Halbwertszeit von Argatroban kompensiert wird. In der Schlussfolgerung bewerten die Autoren Argatroban als geeignetes alternatives Antikoagulans, das keine postoperativen Blutungskomplikationen aufwies und weder die fibrinolytische Aktivität noch die Thrombozytenfunktion beeinflusst.
Hallman et al. (2005) [2] publizierten den Fall einer Karotisendarteriektomie (CEA) bei einer Patientin mit anamnestischer HIT II, die intraoperativ mit Argatroban antikoaguliert wurde. Zehn Minuten nach einer Bolusgabe von 150 μg/kg und einer Infusion von 5 μg/kg ´ min wurde die Operation nach Erreichen einer Ziel-ACT von > 200 s (Ausgangswert 132 s) begonnen. Die Koagulationsparameter wurden kontinuierlich alle 15 min überprüft. Das Abklemmen des Gefäßabschnitts wurde ca. 30 min nach Bolusgabe bei einer ACT von 220 s vorgenommen. Die Infusion wurde kurz vor Beendigung der Abklemmphase und etwa 30 min vor Abschluss der Operation gestoppt. Postoperativ wurden keine Anzeichen von Thrombosen, Änderungen des Elektroenzephalogramms, Blutungen oder Hämatome beobachtet. Die Autoren ziehen die Schlussfolgerung, dass Argatroban eine sichere und effektive Antikoagulation während Karotisendarteriektomie gewährleistet.
Tokuda et al. (2003) [3] beschreiben in einem Fallbericht eine intraoperative Antikoagulation mit Argatroban bei einem Patienten mit HIT II-Historie. Aufgrund kompletter Verschlüsse beider Arteria iliaca communis wurde eine axillo-bifemorale Bypass-Operation durchgeführt. Der Patient erhielt 30 min vor dem Abklemmen der betroffenen Arterienabschnitte eine intravenöse Argatroban-Infusion von 2,7 μg/kg ´ min. Mit dieser Dosis wurde die Ziel-ACT von 150 s erreicht. Die 3-stündige Bypass-Operation wurde ohne thromboembolische Komplikationen oder Blutungsereignisse erfolgreich durchgeführt. Insgesamt erhielt der Patient in der einstündigen prä- und intraoperativen Antikoagulationsphase eine Gesamtdosis von 10 mg Argatroban. Die 3-stündige Operation verlief erfolgreich ohne Blutungs- oder Thromboseepisoden.
In den bisher publizierten Erfahrungen zur alternativen Antikoagulation mit Argatroban während oder nach gefäßchirurgischen Eingriffen erwies sich Argatroban als geeignetes alternatives Antikoagulans bei HIT II-Patienten.
In einer retrospektiven Studie [4] wurden 19 Patienten mit unilateralen tiefen Beinvenenthrombosen identifiziert, die unter Standardantikoagulation mit niedermolekularem Heparin und Katheter-gestützter Thrombolyse (Urokinase) eine Filterthrombose („inferior venous cava filter“) aufgrund von HIT II entwickelten. Die Therapie wurde auf eine Gewebeplasminogenaktivatorbasierte (tPA-basierte) Thrombolyse und Antikoagulation mit Argatroban (zweimalige Gabe von 40 mg) umgestellt. Die Thrombolyse mit tPA war in allen Fällen erfolgreich. Die unter niedermolekularem Heparin um ca. 50 % abgefallene Thrombozytenzahl erholte sich unter Argatroban innerhalb von 12 Tagen.
Bei kritisch kranken HIT II-Patienten empfiehlt es sich aufgrund der klinischen Erfahrungen (s. unten), die Antikoagulation mit Argatroban mit einer initialen Infusionsdosis von 0,2 – 0,5 μg/kg x min zu beginnen und nach 2 – 4 Stunden mittels einer aPTT-Kontrolle zu prüfen, ob der Zielbereich erreicht wurde.[1] Die angegebenen Dosierungen sind keinesfalls als formale Dosierungsempfehlungen zu verstehen; sie basieren in der Regel nicht auf prospektiven Untersuchungen an größeren Patientenkollektiven, sondern auf den publizierten Erfahrungen der jeweiligen Autoren.
Die Entscheidung für den Einsatz einer niedrigeren Argatroban-Dosis sollte stets nach Abwägung zwischen Thrombose- und Blutungsrisiko des individuellen Falles durch den behandelnden Arzt getroffen werden.

Verschiedene Hinweise aus der neueren Literatur legen nahe, dass die in der Fachinformation für Argatroban[1] empfohlene Initialdosis von 2 μg/kg ✕ min bei kritisch kranken Patienten zu einer supratherapeutischen Verlängerung der aPTT führen kann. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass bei kritisch kranken Patienten besonders nach größeren chirurgischen Eingriffen signifikant niedrigere Argatroban-Dosen benötigt werden, um die therapeutisch angestrebten aPTT-Werte auch bei Fällen mit anscheinend normaler Leberfunktion zu erreichen.
Beiderlinden et al. (2007a) [4] führten eine Beobachtungsstudie in Deutschland bei 24 kritisch kranken Patienten mit multiplen Organfunktionsstörungen (Multipe Organ Dysfunction Syndrome; MODS) und Verdacht auf HIT II durch, die mit Argatroban antikoaguliert wurden (Ziel-aPTT 1,5 – 2 fach des Ausgangswertes oder 50 – 60 s). Fünf Patienten wurden initial mit einer Dosis von 2 μg/kg ✕ min Argatroban infundiert, was nach 4 Stunden zu einer extensiven Antikoagulation mit Blutungen bei drei der fünf Patienten führte. Aus diesem Grund wurde die Dosis bei den folgenden 19 Patienten (Ziel-aPTT von 50 – 60 s nach 4 h) auf 0,2 μg/kg ✕ min angepasst. Diese reduzierte Dosis führte zu einer ausreichenden Antikoagulation ohne Blutungskomplikationen. In beiden Gruppen betrug die mittlere Argatroban- Erhaltungsdosis 0,22 ± 0,15 μg/kg ✕ min, um eine aPTT von 50 – 60 s zu erhalten.
In einer zweiten Publikation berichten Beiderlinden et al. (2007b) [5] von der erfolgreichen antithrombotischen Therapie mit Argatroban bei 9 Patienten mit Verdacht auf HIT II, die wegen eines schweren akuten Atemnotsyndroms (Acute Respiratory Distress Syndrome, ARDS) eine extrakorporale Membranoxygenierung (Extracorporeal Membrane Oxygenation, ECMO) erhielten. Bei diesen Patienten wurde mit einer Initialdosis von 0,2 μg/kg ✕ min die angestrebte aPTT von 50 – 60 s erreicht. Die mittlere Erhaltungsdosis lag bei 0,15 μg/kg ✕ min. Bei allen Patienten, die eine ECMO erhielten, kam es zu keiner Gerinnung im extrakorporalen System.
In einer weiteren Untersuchung führten Link et al. (2009a) [1] eine prospektive Dosisfindungs-Studie an 30 kritisch kranken Patienten (internistisch und chirurgisch) mit HIT II und akutem Nierenversagen durch, die eine kontinuierliche Dialyse benötigten (Continuous Renal Replacement Therapy, CRRT). Der Schweregrad der Erkrankung wurde nach der Acute Physiology and Chronic Health Evaluation (APACHE-II) und dem Simplified Acute Physiology Score-II (SAPS II) bewertet. Diese Werte, sowie die Indocyanine Green Plasma Disappearance Rate (ICG-PDR) als Maß für die Leberperfusion wurden mit der Argatroban-Erhaltungsdosis korreliert. Auf den Hinweis von Keegan et al. (2009a) [6] einer Korrelation der Argatroban-Dosis mit dem SOFA (Sequential Organ Failure Assessment)-Score, führten Link et al. (2009b) [2] eine retrospektive Analyse durch und konnten ebenfalls eine hoch signifikante Korrelation zeigen (s. Abbildung 1 [D]; vgl. auch [7]). Zu Beginn der CRRT erhielten die Patienten einen Bolus von 100 μg/kg, gefolgt von einer kontinuierlichen Infusion von 1,0 μg/kg ✕ min. Der Bolus diente dem Zweck, möglichst schnell die Steady-State-Konzentration von Argatroban aufzubauen, da die CRRT gleichzeitig mit der Infusion begonnen wurde. Bei 22 Patienten musste die Infusionsdosis reduziert werden (durchschnittliche Dosis 0,7 μg/kg ✕ min). In fünf Fällen wurde die Dosis auf 1,2 –1,5 μg/kg ✕ min erhöht. Nach Erreichen der angestrebten aPTT-Werte (70 – 90 s) wurde die Infusionsrate von Argatroban während der ganzen Behandlungszeit unverändert beibehalten. Fünf Patienten mit CRRT wurden länger als 5 Tage behandelt. Nur zwei Patienten entwickelten kleinere Blutungen. In dieser Studie konnten der APACHE-II-, der SAPS-II- sowie der SOFA-Score (retrospektive Analyse) oder die ICG-PDR herangezogen werden, um die benötigte Erhaltungs-Infusionsdosis an Argatroban vorauszusagen und eine effiziente CRRT zu gewährleisten.
Link et al. (2009a) [1] schlussfolgern, dass bei kritisch kranken Patienten, die eine CRRT benötigen, mit Dosierungen von 0,1 – 1,0 μg/kg ✕ min eine adäquate und verträgliche Antikoagulation erreicht wird.
Begelman et al. (2008) [8] führten eine Studie zur retrospektiven Bewertung von Argatroban Dosierungsmustern, klinischen Ergebnissen und den Einflüssen von Herzinsuffizienz und multiplem Organversagen bei 65 kritisch kranken Patienten mit Verdacht auf HIT II (n = 56) oder der Vorgeschichte einer HIT II (n = 9) durch. Alles in allem wurde Argatroban mit einer mittleren Dosis von 1,14 ± 0,62 μg/kg ✕ min für 11,4 ± 9,5 Tage eingesetzt, um eine aPTT mit dem 1,5 – 3 fachen des Ausgangswertes (42 – 84 s) zu erhalten. Mit steigender Zahl der versagenden Organsysteme wurden weiter reduzierte Dosierungen von Argatroban benötigt, um eine adäquate Antikoagulation zu erzielen. Bei einem versagenden Organsystem betrug die mittlere Dosierung 1,10 ± 0,67 μg/kg ✕ min; bei zwei 0,87 ± 0,47 μg/kg ✕ min und bei 3 versagenden Organsystemen 0,58 ± 0,47 μg/kg ✕ min (p = 0,008). Bei Patienten mit Herzinsuffizienz lagen die effektiven Dosierungen niedriger (0,58 ± 0,28 vs 0,97 ± 0,6 μg/kg ✕ min, p = 0,042). Von Beginn der Argatroban-Gabe bis zum Absetzen oder Tod des Patienten entwickelten 11 Patienten (3 nach Beendigung der Argatroban-Gabe) thromboembolische Komplikationen; 14 (21,54 %) Patienten starben, meist wegen multiplem Organversagen (7 Patienten) oder Sepsis (2 Patienten), bei einem Patienten musste eine Amputation vorgenommen werden. Bei 9 Patienten traten Blutungen während der Argatroban-Gabe auf, davon war keine lebensbedrohlich.
Eine weitere retrospektive Einzelzentrum-Studie wurde von Keegan et al. (2009b) [7] durchgeführt, um Argatroban-Dosierungen bei kritisch kranken Patienten (n = 34) und nicht kritisch erkrankten Patienten (n = 19) mit bestätigter HIT II oder einem Verdacht auf HIT II zu vergleichen. Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung (Child Pugh Grade C) wurden ausgeschlossen. Kritisch kranke Patienten hatten zu Beginn der Argatroban-Therapie höhere mittlere APACHE-II-Werte (17 vs. 10 p = 0,007) und SOFA-Werte (11 vs. 2 p < 0,001) als nicht kritisch kranke Patienten. Kritisch kranke Patienten benötigten eine niedrigere mittlere Argatroban-Dosis (0,6 ± 0,5 vs. 1,4 ± 0,9 μg/kg ✕ min; p < 0,001). Die Dosierung von Argatroban war umgekehrt proportional zum SOFA-Wert, so dass die Initialdosis von Argatroban bei kritisch kranken Patienten auf Vorliegen und Schweregrad von Organversagen basieren sollte (s. Abbildung 1 [D]; vgl. [6] [2]). Die Nebenwirkungen waren in beiden Gruppen ähnlich.
Smythe et al. (2007) [9] entwickelten ein Dosierungs-Nomogramm für intensiv-medizinische Patienten, das auf eigenen Erfahrungen mit Argatroban-Dosierungsanforderungen seit 2001 basiert. Die empfohlene Initialdosis war 0,8 μg/kg ✕ min. Die Anwendung des Dosierungs-Nomogramms bei 25 ICU Patienten führte bei 75 % aller Patienten zu therapeutischen aPTT-Werten innerhalb der ersten zwei Behandlungstage. Die absolute Rate neuer Thrombosen war vergleichbar mit der aus der ARG 911-Studie (12 % verglichen mit 13,5 %). Die Rate schwererer Blutungen war höher (12 % vs. 6,9 %), doch begründeten die Autoren dies mit dem erhöhten Blutungsrisikos ihrer intensiv-medizinischen Patienten.
Weitere Publikationen beschreiben, dass Argatroban zur Antikoagulation bei kritisch kranken Patienten in niedrigeren Dosierungen als 2 μg/kg ✕ min eingesetzt werden kann, um therapeutische aPTT’s zu erhalten.
Kiser et al. (2005) [10] berichteten von mittleren Argatroban-Dosen (± SD) von 1,2 ± 0,9 μg/kg ✕ min während der Behandlung; 28 der 34 Patienten, die Argatroban erhielten, waren in Intensivpflege und 13 hatten eine schwere Niereninsuffizienz (Creatinin-Clearance <30 ml/min). Die Autoren ziehen die Schlussfolgerung, dass eine eingeschränkte Nierenfunktion die benötigte Argatroban-Dosis nicht beeinflusst (s. auch [11]).
Guzzi et al. (2006) [11] untersuchten diese Fragestellung in ihrer retrospektiven Studie an 260 Patienten mit unterschiedlichem Grad einer Niereninsuffizienz. Sie belegen, dass die für eine suffiziente Antikoagulation erforderliche Argatroban-Dosis unabhängig vom Grad der Niereninsuffizienz ist, wobei die klinischen Ergebnisse vergleichbar waren. In einer weiteren retrospektiven Auswertung von 27 meist intensivmedizinischen Patienten [12] wurde die antikoagulatorische Therapie mit Argatroban mit einer medianen Infusionsdosis von 1,0 (0,01 – 2,0) μg/kg ✕ min begonnen und mit einer medianen Dosis von 0,5 (0,01 – 2,0) μg/kg ✕ min über den gesamten Zeitraum der Therapie (Median 5,5 Tage) fortgesetzt. Diese Patienten waren generell kritisch krank, neun Patienten hatten zusätzliche thromboembolische Komplikationen.
Lukens et al. (2004) [13] verglichen die Argatroban-Dosierung von 21 kritisch kranken Patienten und 20 nicht kritisch kranken Patienten mit Hilfe einer retrospektiven Analyse von Patientendaten. Die mittlere therapeutische Dosis betrug bei den nicht kritisch kranken Patienten 1,85 ± 0,63 μg/kg ✕ min und bei den kritisch Kranken 1,29 ± 0,81 μg/kg ✕ min (p <0,04).
Williamson et al. (2004) [14] berichteten über den Einsatz von Argatroban bei vier intensiv-medizinischen Patienten mit kontinuierlicher Hämodialyse und verschiedenen Formen vorübergehender Leberfunktionsstörungen, jedoch ohne chronische Lebererkrankungen. Bei diesen Patienten wurde Argatroban mit einer Initialdosis von 2,0 μg/kg ✕ min infundiert, was jedoch eine überschießende aPTT zur Folge hatte. Um die angestrebten aPTT-Werte vom 1,5 – 2,5 fachen des Ausgangswertes zu erreichen, erhielten die Patienten reduzierte Argatroban-Dosen von 0,125 – 0,85 μg/kg ✕ min.
Die verschiedenen Dosierungen von Argatroban, die von den Autorengruppen bei kritisch kranken Patienten eingesetzt wurden, sind im Folgenden tabellarisch zusammengestellt (Tab. 1).

In den Publikationen zur antithrombotischen Behandlung von kritisch kranken Patienten wird postuliert, dass diese Patienten substantiell geringere Dosierung an Argatroban benötigen. Dies gilt auch für Patienten, die primär keine Form einer Leberinsuffizienz aufweisen. Eine mögliche Ursache könnte sein, dass durch die ersten Leberfunktionstests eine Beeinträchtigung der Leberfunktion nicht erkannt wurde, z.B. wenn diese sekundär durch einen Leberstau oder eine zu geringe Herzleistung auftritt, oder aber erst im Verlauf der weiteren Therapie auftritt [11].
Nach kardiochirurgischen Eingriffen oder bei Patienten mit eingeschränkter Herzfunktion, multiplen Organversagen sollte bedacht werden, dass dies zu einer reduzierten Argatroban-Clearance mit supratherapeutischen aPTT’s führen kann. Auch bei einem Patienten mit Lebermetastasen und ansonsten normalen Leberenzymwerten wurden supratherapeutische aPTT’s publiziert [15].
Murray (2009) [16] sowie Krishnan and Murray (2003) [17] heben die Möglichkeit hervor, dass bei kritisch kranken Patienten generell eine multifaktorielle Beeinflussung der Biotransformation und somit das Risiko einer potentiellen Akkumulation von Arzneimitteln in die Überlegungen zur Dosierung einzubeziehen sind, wie reduzierter hepatischer Blutfluss, Inhibition von metabolisierenden Enzymen durch endogene Substanzen (z.B. urämische Toxine, inflammatorische Mediatoren) oder Arzneimittelinteraktionen (z.B. Co-Medikationen) und okkulte Beeinträchtigungen Hepatocyten.
Reichert et al. (2003) [18] vermuteten, dass der geringere Dosierungsbedarf bei Patienten nach kardio-thorakalen Operationen durch postoperativ verminderte Leberperfusion bedingt sein könnte. Patienten, bei denen eine kardio-thorakale Operation durchgeführt wurde, sind für Hypotonie anfällig, die in einer postoperativen Hypovolämie, einem erniedrigten Gefäßwiderstand oder einem verminderten Herzzeitvolumen begründet sein kann. Eine Hypotonie könnte zu einem reduzierten Blutfluss in der Leber führen und damit die metabolische Kapazität der Leber verringern. Auch Arpino and Hallisay (2004) [19] diskutieren, dass eine postoperativ reduzierte Leberperfusion den reduzierten Dosierungsbedarf erklären könnte.
Levine et al. (2006) [20] berichteten, dass bei Patienten mit eingeschränkter Leber- und Nierenfunktion niedrigere Dosen von Argatroban erforderlich waren als bei Patienten, die nur eine Leberfunktionsstörung, aber eine normale Nierenfunktion hatten.
Es wird vermutet, dass die Notwendigkeit einer verminderten Argatroban-Dosis bei diesen Patienten den Allgemeinzustand des Patienten widerspiegelt bzw. andere Faktoren wie Sepsis, multiples Organversagen und kardiovaskuläre Instabilität die Pharmakodynamik / Pharmakokinetik von Argatroban beeinflussen können [13] [20].
Weitere Studien werden benötigt, um die Pharmakodynamik und Pharmakokinetik bei kritisch kranken Patienten oder multimorbiden Patienten und die Einflüsse von verminderter Herzleistung und Leberstau bei diesen Patienten zu untersuchen, insbesondere bei solchen, die keine auffälligen Leberfunktionstests zeigen. Basierend auf ihren klinischen Erfahrungen schlagen Guzzi et al. (2006) [11] vor, dass die für Patienten mit Leberfunktionsstörung empfohlene Initialdosis von 0,5 μg/kg ✕ min auch bei Patienten mit beeinträchtigter Herzfunktion, multiplem Organversagen oder nach einer Herzoperation angewendet werden sollte, da bei diesen Patienten mit einem erhöhten Leberstau und einer dadurch bedingten verminderten Argatroban-Clearance zu rechnen ist (Guzzi et al., 2006) [11]. Die Entscheidung für den Einsatz einer niedrigeren Argatroban-Dosis sollte auf einer klinischen Beurteilung des Patienten basieren und über die aPTT die antikoagulatorische Wirkung geprüft werden.
Auf der Basis einer retrospektiven Bewertung von Patienten mit Leberfunktionsstörungen aus den ARG 911 / 915-Studien empfehlen Levine et al. (2006) [20] vor dem Beginn der Argatroban-Therapie den absoluten Serum-Bilirubinwert zu berücksichtigen, den sie für einen besseren Indikator für die Argatroban-Dosierung als die Alanin-Aminotransferase (ALT) oder die Aspartat-Aminotransferase (AST) halten. Argatroban sollte mit einer Dosis von 0,5 μg/kg ✕ min gestartet werden, wenn der absolute Bilirubinwert des Patienten >25,5 μmol/l (1,5 mg/dl) beträgt oder wenn eine kombinierte Leber- und Nierenfunktionsstörung vorliegt.
Link et al. (2009a [1]) empfehlen aufgrund der guten Korrelation zwischen der Argatroban-Dosis und dem Schweregrad der Erkrankung von Patienten bzw. der dynamischen Clearance der Leber von Indocyanin diese Algorithmen zur Dosisberechnung heranzuziehen.
Die Datenlage für die Verwendung von Argatroban bei Patienten mit HIT II, die sich einer perkutanen Koronarintervention unterziehen, ist beschränkt. Auf der Grundlage der Daten könnte die Behandlung mit einer Bolusdosis von 350 μg/kg über 3 bis 5 min begonnen werden, auf die eine Infusionsdosis von 25 μg/kg ✕ min folgt. Die ACT sollte 5 bis 10 min nach vollständiger Gabe der Bolusdosis überprüft werden.
Die Vorgehensweise kann fortgesetzt werden, wenn die ACT über 300 s liegt. Wenn die ACT unter 300 s liegt, sollte eine zusätzliche Bolusdosis von 150 μg/kg gegeben werden, die Infusionsgeschwindigkeit auf 30 μg/kg ✕ min erhöht und die ACT 5 bis 10 min späterüberprüft werden. Wenn die ACT über 450 s liegt, sollte die Infusionsgeschwindigkeit auf 15 μg/kg ✕ min gesenkt und die ACT-Werte nach 5 bis 10 min überprüft werden. Sobald eine therapeutische ACT zwischen 300 und 450 s erreicht ist, sollte die Infusionsdosis fürdie Dauer der Behandlung beibehalten werden.
Die ACT-Bestimmungen erfolgten mittels HemoTec*- und Hemochron**-Geräten.
Die Wirksamkeit und Sicherheit der Verwendung von Argatroban in Kombination mit GPIIb/IIIa-Inhibitoren wurde nicht ermittelt.(nach Argatra®Fachinformation) [1]
* HemoTec (Medtronic, Englewood, CO; US
** Hemochron (International Technidyne, Edison, NJ, USA)
Im Folgenden werden die publizierten Erfahrungen mit Argatroban als Antikoagulans bei perkutanen Koronarinterventionen (PCI) beschrieben.
Lewis et al. (2002) [2] führten eine Meta-Analyse von drei multizentrischen, prospektiven offenen Studien durch, in denen die Eignung von Argatroban als Antikoagulans während perkutaner Koronarintervention bei HIT II-Patienten untersucht wurde. In die Meta-Analyse wurden 91 Patienten aufgenommen, bei denen 112 perkutane Koronarinterventionen vorgenommen wurden. Die Interventionen schlossen perkutane transluminale Koronarangioplastie, Einlage von koronaren Gefäßstützen (Stents) oder Atherektomie ein. Nach Platzierung der Schleuse erhielten die Patienten eine initiale Bolusdosis Argatroban von 350 μg/kg, die über 3 bis 5 min verabreicht wurde. Danach wurde Argatroban als Dauerinfusion mit einer Infusionsrate von 25 μg/kg ✕ min gegeben. Die aktivierte Koagulationszeit (ACT) wurde 5 bis 10 min nach Bolusgabe bestimmt. Um ACT-Werte von 300 – 450 s zu erzielen und beizubehalten, wurden die Infusionsraten zwischen 15 – 40 μg/kg ✕ min eingestellt und/oder bis zu drei zusätzliche Bolusdosen von 150 μg/kg verabreicht. Die Ausgangswerte für die ACT betrugen bei Patienten mit initialer Intervention 139 ± 30 s (Mittelwert ± SD) und bei wiederholter Intervention 133 ± 30 s. Der primäre Endpunkt (erfolgreiche Intervention und adäquate Antikoagulation) wurde bei 94,5 % der Patienten, die sich einer primären PCI unterziehen mussten, erzielt. Eine adäquate Antikoagulation wurde bei 97,8 % der Patienten erreicht. Größere Blutungen (definiert gemäß TIMI) wurden bei 1,1 % (1 von 91) der Patienten mit initialer Intervention und bei 0 % (0 von 21) in der Gruppe mit wiederholter Intervention beobachtet. Kleinere Blutungen traten in 32 % (29 von 91) bzw. 29 % (6 von 21) Fällen auf.
Cruz-Gonzalez et al. (2008) [3] untersuchten in einer monozentrischen, retrospektiven Studie die Wirksamkeit und Sicherheit von Argatroban (50 Patienten) oder Argatroban in Kombination mit Glycoprotein (GP) IIb/IIIa-Inhibitoren (52 Patienten) bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom, bei denen eine PCI durchgeführt werden musste. Bei 20 Patienten lag eine bestätigte HIT II vor, 2 Patienten hatten eine Heparin-Allergie und bei den anderen Patienten lag eine Verdachtsdiagnose HIT II vor. In der Argatroban-Gruppe erhielten die Patienten eine mittlere Bolusinjektion Argatroban von 247,9 ± 102 μg/kg mit einer anschließenden mittleren Infusionsdosis von 18,4 ± 11 μg/kg ✕ min. Patienten, die Argatroban in Kombination mit GP IIb/IIIa-Inhibitoren erhielten, wurde eine mittlere Bolusgabe von 229,5 ± 102 μg/kg verabreicht, gefolgt von einer mittleren Infusionsdosis von 16,4 ± 10,1 μg/kg ✕ min. Der angestrebte ACT-Bereich lag zwischen 275 – 450 s, gemessen mit Hemochron ACT-Geräten. Lag die ACT 10 min nach der Bolusgabe < 275 s, wurde ein zweiter Bolus von 150 μg/kg gegeben. Die mittlere ACT während der PCI war in beiden Gruppen ähnlich (Argatroban: 312 ± 77 s und Argatroban plus GP IIb/IIIa-Inhibitor 311 ± 107 s). Bei den Endpunkten für Wirksamkeit (kombinierter Endpunkt Tod, Myokardinfarkt; Revaskularisierung) ergaben sich keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.Größere Blutungen (definiert gemäß TIMI) traten in der Argatroban-Gruppe nicht auf, jedoch bei 3 Patienten (5,8 %), die Argatroban in Kombination mit GP IIb/IIIa-Inhibitoren erhalten hatten. Kleinere Blutungen wurden bei jeweils 2 Patienten in beiden Gruppen beobachtet (Argatroban-Gruppe 4 %; Kombinationsgruppe 3,8 %).
Aus den Ergebnissen ihrer Studie folgern die Autoren, dass Argatroban allein und in Kombination mit Glycoprotein IIb/IIIa-Inhibitoren bei Patienten mit vermuteter und bestätigter HIT II während einer PCI eine effektive Antikoagulation sicherstellt und gut verträglich mit einer niedrigen Blutungsrate ist.
Jang et al. (2004) [4] untersuchten in einer multizentrischen offenen Pilotstudie den gleichzeitigen Einsatz von Argatroban und einem GP IIb/IIIa-Inhibitor bei Patienten, bei denen eine PCI durchgeführt werden sollte. In die Studie wurden 152 Patienten mit koronarer Arterienerkrankung aufgenommen. Die Patienten erhielten 160 – 325 mg Aspirin und entweder 300 mg Clopidogrel oder 150 mg Ticlopidin. Vor der Intervention wurde den Patienten eine Bolusdosis Argatroban von 250 oder 300 μg/kg, gefolgt von einer Infusion von 15 μg/kg ✕ min während der Intervention gegeben. Eine zusätzliche Bolusgabe von Argatroban (150 μg/kg) wurde verabreicht, wenn die ACT 5 bis 10 min nach Gabe von Argatroban < 275 s betrug. Abciximab (150 Patienten) wurde als Bolus in einer Dosis von 250 μg/kg mit anschließender Infusion von 0,125 μg/kg ✕ min über 12 h verabreicht. Bei Eptifibatid (2 Patienten) wurde ein doppelter Bolus von 180 μg/kg mit anschließender Infusion von 1,5 μg/kg ✕ min über 12 h gegeben. Für die Gabe der GP IIb/IIIa-Inhibitoren wurde ein separater intravenöser Zugang verwendet. Aus den Ergebnissen dieser Pilotstudie folgern die Autoren, dass Argatroban in Kombination mit GP IIb/IIIa-Inhibitoren eine adäquate Antikoagulation sicherstellt und gut verträglich ist.
Im Patientenkollektiv der Studie von Jang et al. (2004) [4] untersuchten Cox et al. (2004) [5] den Einfluss von Glycoprotein IIb/IIIa-Inhibitoren auf die Pharmakokinetik / Pharmakodynamik von Argatroban. Die Ergebnisse zeigten keinen Unterschied zu den bei gesunden Probanden erhobenen Parametern [6]. Auch bei dieser Kombinationstherapie besteht eine vorhersagbare Beziehung zwischen der Argatroban-Konzentration und dem pharmakodynamischen Effekt.
In einer europäischen multizentrischen offenen Studie mit 140 Patienten in vier Parallelgruppen verglichen Rössig et al. (2011) [7] drei Dosierungen von Argatroban mit einer Standarddosis unfraktioniertem Heparin (UFH). Die Patienten der Argatroban-Gruppen erhielten vor der PCI eine intravenöse Bolusinjektion von 250, 300 oder 350 μg/kg über 3 bis 5 min, gefolgt von einer intravenösen Infusion von 15 μg/kg ✕ min (ARG250; N = 36), 20 μg/kg ✕ min (ARG300; N = 38) oder 25 μg/kg ✕ min (ARG350; N = 31) bis zum Ende der Intervention. Die Patienten der UFH-Gruppe (N = 33) erhielten einen intravenösen Bolus UFH von 70 – 100 IU/kg. Die PCI wurde erst dann begonnen, wenn mindestens eine Ziel-ACT von 250 s erreicht war. Die ACT wurde alle 5 bis 10 min bestimmt. Patienten der Argatroban-Gruppen, die die Ziel-ACT nicht erreichten, erhielten eine zusätzliche Bolusinjektion von 150 μg/kg. Entsprechende Patienten der UFH-Gruppe erhielten eine zusätzliche Bolusinjektion von 2000 – 5000 IU. Lagen die ACT-Werte über 450 s (450 – 800 s), wurde die jeweilige Dosis halbiert oder die Infusion gestoppt. Nach der PCI wurden die Patienten mit einer Kombination von Clopidogrel (75 mg pro Tag) und Acetylsalicylsäure (oral 100 mg pro Tag) behandelt. Der Einsatz von GPIIb/IIIa-Inhibitoren war auf Notfallsituationen und auf Patienten, die eine Ziel-ACT von 250 s nicht erreichten, beschränkt. Das primäre Ziel dieser Studie war, die Dosis-Wirkungsbeziehung unterschiedlicher Argatroban-Dosierungen im Vergleich zu Heparin zu untersuchen.
Zur Beurteilung der Wirksamkeit wurden unter anderem neben der ACT die aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT) und der chromogene Ecarin-Test (ECA-T) herangezogen. Die Ergebnisse zeigten, dass bereits 10 min nach der ersten Bolusinjektion von Argatroban bei mehr als ca. 90 % der Patienten eine ausreichende Antikoagulation erreicht wurde (s. Abb.), wogegen dies nur bei 54,5 % der Patienten unter Heparin der Fall war.

Argatroban-Gruppen vs. UFH-Gruppe p < 0,005
Zusammenfassend interpretieren die Autoren diese Befunde dahingehend, dass nach Argatroban die Zeit um die Ziel ACT zu erreichen im Vergleich zu UFH signifikant verkürzt ist (p < 0,01). Die PCI konnte in den Argatroban-Gruppen 10 min nach der initialen Bolusinjektion gestartet werden.
Schwere Blutungsereignisse traten unter Argatroban nicht auf (UFH-Gruppe 3,0 %). Kleinere Blutungen unter Argatroban wurden nur in der höchsten Dosisgruppe (3,2 %; UFH-Gruppe 6,1 %) beobachtet. Nach Absetzen von Argatroban wurde eine Normalisierung der Antikoagulation schneller erreicht als mit Heparin.
Obwohl das Patientenkollektiv in dieser Studie relativ klein war, folgern die Autoren, dass Argatroban während der PCI schnell eine effektive Antikoagulation sicherstellt und gut verträglich ist.
Dosisanpassung
Auf der Grundlage der bisher publizierten Daten kann die antikoagulatorische Behandlung bei HIT II-Patienten unter PCI mit einer Bolusgabe von 350 μg/kg über 3 bis 5 min begonnen werden, auf die eine Infusionsdosis von 25 μg/kg ✕ min folgt. 5 bis 10 min nach vollständiger Gabe der Bolusdosis von Argatroban sollte die ACT bestimmt werden. Die ACT-Bestimmungen erfolgten mittels HemoTec ACT1-und Hemochron ACT2- Geräten. Liegt die ACT zwischen 300 und 450 s (Ausgangswert 130 – 145 s), kann mit der empfohlenen Infusionsdosis die Dauerinfusion begonnen werden [8] [9]. Liegt die ACT unter 300 s (Ausgangswert 130 – 145 s), sollte eine zusätzliche Bolusdosis von 150 μg/kg gegeben werden und die Dosis der Dauerinfusion auf 30 μg/kg ✕ min erhöht werden. Die ACT sollte 5 bis 10 min später überprüft werden. Bei einer ACT über 450 s (Ausgangswert 130 – 145 s) ist die Infusionsdosis auf 15 μg/kg ✕ min abzusenken. Die ACT-Werte sollten wiederum nach 5 bis 10 min überprüft werden. Sobald eine therapeutische ACT zwischen 300 und 450 s erreicht ist, sollte die Infusionsdosis für die Dauer der Behandlung beibehalten werden.
Antikoagulation bei übergewichtigen PCI-Patienten
Da viele Patienten, bei denen eine PCI durchgeführt werden muss, übergewichtig sind, haben Hursting und Jang (2008) [10] in einer retrospektiven Analyse in den Patientenkollektiven von Lewis et al. (2002) [2] und Jang et al. (2004) [4] den Einfluss des Körpergewichts (Body Mass Index – BMI) auf die Argatroban-Therapie während PCI untersucht. Die Auswertung belegt, dass auch bis zu einem BMI von 50,9 kg/m2 körpergewichtsabhängige Dosierungen während einer PCI anzuwenden sind.
Antikoagulation bei PCI-Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion
Eingeschränkte Nierenfunktion: In einer weiteren retrospektiven Analyse der Patientenkollektive [2] [4] untersuchten Hursting und Jang (2010) [11] den Einfluss einer eingeschränkten Nierenfunktion auf die Argatroban-Therapie während PCI. Im Ergebnis zeigt diese Auswertung, dass eine eingeschränkte Nierenfunktion keine Dosisanpassung während einer PCI erfordert. Argatroban wurde von allen PCI-Patienten mit renaler Insuffizienz gut vertragen.
Die Empfehlungen für die standardmäßige Anfangsdosierung bei Erwachsenen gelten auch für Patienten mit Nierenfunktionsstörungen.
Die Datenlage für die Verwendung von Argatroban bei Hämodialysepatienten ist beschränkt. Auf der Grundlage der Daten könnte die Behandlung bei intermittierender Hämodialyse mit einer initialen Bolusgabe (250 μg/kg), gefolgt von einer Dauerinfusion von 2 μg/kg ✕ min vorgenommen werden. Die Infusion wird eine Stunde vor dem Ende des Verfahrens gestoppt. Der ACT-Zielbereich liegt bei 170 bis 230 s (mit dem HemoTec-Gerät gemessen).
Bei Patienten, die bereits mit Argatroban behandelt werden, ist keine Bolusgabe erforderlich. Die Argatroban-Clearance durch bei der Hämodialyse eingesetzte Hochflussmembranen und kontinuierliche venovenöse Hämofiltration war klinisch unbedeutend.
Bei kritisch kranken Patienten zählt das akute Nierenversagen zu den häufigsten Komplikationen. In den meisten Fällen wird unfraktioniertes Heparin zur Antikoagulation eingesetzt [2]. Der erfolgreiche Einsatz von Heparin setzt jedoch ausreichende Antithrombin-Spiegel voraus. Außerdem limitieren unvorhersagbare Antikoagulationseffekte, die fehlende Hemmung von gebundenem Thrombin und Heparin-bedingte immunologische Reaktionen den erfolgreichen Einsatz. So wurden bei Patienten mit end-stage renal disease (ESRD) bei dauerhafter Dialysepflichtigkeit in bis zu 12 % der Fälle Antikörper nachgewiesen, die zu einer HIT II führen können [3].
Da bei HIT II-Patienten das Thromboserisiko über ein bestehendes Grundrisiko hinaus weiter erhöht ist, ist eine entsprechende Antikoagulation mit einem geeigneten alternativen Antikoagulans dringend geboten. Mit Argatroban steht das einzige alternative Antikoagulans zur intravenösen Verabreichung zur Verfügung, das bei eingeschränkter Nierenfunktion uneingeschränkt eingesetzt werden kann.
Ausgehend von einzelnen Fallberichten [4] [5] und kleineren Studien bei Patienten mit Antithrombin-Mangel [4] [6], bei denen Argatroban erfolgreich zur Thromboseprophylaxe bei Hämodialysen eingesetzt worden war, untersuchten Murray et al. (2004) [7] in einer prospektiven dreiarmigen klinischen Cross-over-Studie die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Argatroban bei Hämodialyse-Patienten mit end-stage renal disease (ESRD).
In diese Studie wurden Patienten mit einem Alter zwischen 21 und 75 Jahren mit ESRD aufgenommen. Eine Verdachtsdiagnose auf HIT II gehörte nicht zu den Einschlusskriterien. Drei Dosierungsschemata wurden untersucht. Die ACT als Zielparameter sollte > 180 % des Basiswertes während und > 140 % zum Ende der Hämodialyse betragen. Die Schemata der untersuchten Dosierungen sind in der nachfolgenden Tabelle (Tab. 1) dargestellt:

Insgesamt wurden 38 Hämodialysen bei 13 in die Studie eingeschlossenen Patienten im Cross-over-Design durchgeführt. Als Zielparameter für eine adäquate Antikoagulation der Patienten während der Hämodialyse wurde die aktivierte Koagulationszeit (Activated Clotting Time – ACT) bestimmt. Die Ergebnisse (s. Tab. 2) deuten darauf hin, dass insbesondere mit Schema B (Bolusgabe und kontinuierliche Infusion) und C (kontinuierliche Infusion) eine gleichmäßigere Antikoagulation als unter Schema A erzielt wird.

Bei jedem der von Murray et al. (2004) [7] beschriebenen drei Schemata, waren die Hämodialysen effektiv (Tab. 3).

Argatroban wird im Gegensatz zu anderen alternativen Antikoagulantien vorzugsweise über die Leber metabolisiert. Fischer (2002) [9] unterstreicht in einer Übersichtsarbeit, dass Argatroban wegen seiner vorwiegend hepato-biliären Elimination sich besonders als alternatives Antikoagulans bei chronischer Niereninsuffizienz eignet. Wiederholte Bestimmung des Koagulationsstatus zur Kontrolle der Leberfunktion wurde angeraten, um auf diese Weise eine sichere Antikoagulation zu gewährleisten [10].
Für den Einsatz von Argatroban als alternativem Antikoagulans bei intermittierender Hämodialyse gibt Fischer (2007) [2] in seiner Übersichtsarbeit folgendes Dosierungsschema an:
Reddy et al. (2005) [11] publizierten eine retrospektive Analyse aus klinischen Studien mit Argatroban für HIT II-Patienten mit einer Nierenersatztherapie. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass bei Patienten ohne zusätzliche Funktionsstörungen der Leber mit einer Dauerinfusion von 0,2 – 2,8 μg/kg ✕ min (im Mittel) eine effektive Antikoagulation zu erzielen war. Die Investigatoren haben also die zur Antikoagulation eines Patienten eingesetzte Dosierung unter einer zusätzlichen Nierenersatztherapie beibehalten.
Bei Patienten mit zusätzlich milder bis moderater Leberfunktionsstörung ergab die Analyse, dass eine ausreichende Antikoagulation mit Dosierungen von 0,1 – 1,7 μg/kg x min (im Mittel 0,7) zu erreichen war.
Die Datenlage für die Verwendung von Argatroban bei Patienten mit HIT II nach Herzoperation und kritisch kranken Patienten/Intensivpatienten mit (multiplem) Organversagen ist beschränkt. Auf der Grundlage der Daten konnte die Behandlung mit einer Infusionsrate zu Beginn von 0,5 μg/kg ✕ min (Maximum 10 μg/kg ✕ min) begonnen werden und auf einen aPTT-Zielbereich vom 1,5- bis 3,0-Fachen des Ausgangswerts eingestellt werden (maximal 100 Sekunden).
Bei kritisch kranken Patienten/Intensivpatienten mit (multiplem) Organversagen (laut Beurteilung nach SOFA-II, APACHE-II oder vergleichbaren Scores) wird eine reduzierte Erhaltungsdosis empfohlen.
Der klinische Status des Patienten, insbesondere akute Veränderungen der Leberfunktion, sollten berücksichtigt werden und die Infusionsrate sollte vorsichtig angepasst werden, so dass die aPTT im gewünschten Bereich bleibt. Es wird empfohlen, die Häufigkeit der Überwachung zu erhöhen, um zu gewährleisten, dass die aPTT-Zielwerte erreicht und erhalten werden.
(nach Argatra® Fachinformation) [1]
Gemäß aktueller Fachinformation[1] ist die Datenlage für die Verwendung von Argatroban bei Patienten mit HIT II nach Herzoperation und bei kritisch kranken Patienten/ Intensivpatienten mit (multiplem) Organversagen beschränkt. Im Folgenden werden publizierte Erfahrungen zur Antikoagulation von HIT II-Patienten mit Argatroban während und nach kardiochirurgischen Eingriffen beschrieben.
In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass die empfohlene Initialdosis an Argatroban von 2 μg/kg ✕ min supratherapeutische aPTT’s bedingt und dass bei verschiedenen medizinischen Konstellationen signifikant niedrigere Argatroban-Dosen benötigt werden, um die therapeutischen Ziel-aPTT’s auch bei Patienten mit normaler Leberfunktion zu erreichen. Dies gilt insbesondere bei Patienten nach kardiochirurgischen Eingriffen und bei kritisch kranken Patienten. [1]
Die Erfahrungen mit einer Antikoagulation mit Argatroban bei Patienten während unterschiedlicher kardiochirurgischer Eingriffe, wie z.B. Bypass-Operationen und Herzklappenersatz, die publiziert wurden, werden in der Folge kurz vorgestellt.
In einem Übersichtsartikel fassen Martin et al. (2007) [2] einige Fälle zusammen, bei denen Argatroban während Herzoperationen eingesetzt wurde. Ein kurzer Überblick soll hier gegeben werden, einige dieser Beispiele werden im Weiteren ausführlicher besprochen. Insgesamt handelte es sich um 21 Patienten zwischen 44 und 74 Jahren, die sich Operationen wie Herzklappenaustausch, Implantation eines koronaren Arterienbypasses oder Einsetzen eines linksventrikulären Herzunterstützungssystems unterziehen mussten. Bei den 15 off-pump ablaufenden Operationen wurde 30 – 60 min vor dem Eingriff eine Argatroban-Infusion von 2 – 5 μg/kg ✕ min gegeben und dann die Dosis derart angepasst, dass eine ACT zwischen 200 und 300 s vorlag. Bei allen Fällen wurde die Basis-ACT innerhalb von 5 h nach Operationsende erreicht, es traten keine nennenswerten Koagulopathien auf, ergänzende Blutprodukte wurden nicht eingesetzt. Es entstand bei einem Patienten einer und bei einem zwei Thromben im Zeitraum der Operation, während die ACT unter 280 s lag.
Bei den sechs Patienten, die on-pump operiert wurden, wurde ein Bolus von bei 0,1 – 0,3 mg/kg Argatroban gegeben, gefolgt von Infusionen mit 5 – 10 μg/kg ✕ min zum Erreichen einer ACT >400 s. Die Basis-ACT wurde erst zwischen 7 und 29 h nach Beendigung der Argatroban-Infusion erreicht, es traten bei drei Patienten schwere Koagulopathien auf und größere Mengen ergänzender Blutprodukte wurden eingesetzt. Es wurde in einem Fall ein Blutgerinnsel in der Pumpe entdeckt, als die ACT gegen 300 s ging. Sieben der 21 Patienten wurden zusätzlich postoperativ ohne größere Komplikationen mit Argatroban antikoaguliert. Die abschließende Erkenntnis dieses Reviews ist, dass die off-pump angestrebten niedrigeren ACT-Werte (hier 200 – 300 s) die Bildung kleinerer Thromben nicht ausschließen können, dafür aber kaum Koagulopathien auftreten.
Dagegen führen die on-pump erreichten ACT-Werte von >400 s zur Verhinderung der Thrombenbildung, doch treten vermehrt größere Blutungen auf. Die auf diesen Erkenntnissen aufbauenden Empfehlungen für Off-pump-Herzoperationen sind eine Argatroban-Infusion mit 2 – 5 μg/kg ✕ min, einer Ziel-ACT >300 s (angestrebter Bereich 300 – 500 s) und einer 15-minütigen Überprüfung der ACT. Für die On-pump-Herzoperationen gilt die Empfehlung eines 0,1 – 0,3 mg/kg-Bolus und folgender Infusion mit 5 μg/kg ✕ min zum Erreichen einer ACT >400 s (angestrebter Bereich 400 – 600 s) und einer 15-minütigen Überprüfung der ACT.
Ohno et al. (2003) [3] berichten von einem 67 Jahre alten Mann, bei dem sich im Vorfeld eine Heparinallergie entwickelt hatte. Aufgrund dessen wurde bei der folgenden koronaren Bypass-Operation Argatroban als Antikoagulans eingesetzt. Die Infusionsrate betrug 2 μg/kg ✕ min; die ACT wurde alle 15 min überprüft. Nachdem die ACT nicht über 200 s anstieg, wurde ein Bolus von 5 μg/kg gegeben; trotzdem wurden Blutgerinnsel im Operationsfeld beobachtet. Die Arterienanastomose wurde erfolgreich beendet und die ACT lag nach der Operation unter 180 s. 150 min nach Operationsende erreichte die ACT den Vorbehandlungswert, und postoperative Blutungen waren moderat. Die Situation während der Operation wurde als unkritisch empfunden.
Cannon et al. (2004) [4] stellten bei einem 74 Jahre alten Patienten eine HIT II fest. Für die nötige koronare Off-pump-Bypass-Operation (Off-Pump Coronary Artery Bypass Surgery, OPCAB) wurde deshalb Argatroban zur Antikoagulation verwendet. 200 μg Argatroban wurden intravenös als Bolus verabreicht. Danach wurde mit einer Rate von 2 μg/kg ✕ min die Infusion begonnen. Die ACT stieg 30 min nach der Startdosis auf 230 s an. Während des Legens der Venenanastomose bildete sich ein neues Blutgerinnsel, während die ACT 278 s betrug. Das Blutgerinnsel wurde entfernt und die Argatroban-Dosis auf 5 μg/kg ✕ min erhöht. 10 Minuten später war die Operation beendet, und die Argatroban-Zufuhr wurde beendet. Jedoch wurde sie nach 20 min aufgrund der intraoperativen thrombotischen Ereignisse mit 5 μg/kg ✕ min wieder aufgenommen, was zu einer ACT von 208 s führte. Es wurde ein weiteres Blutgerinnsel im Venentransplantat gefunden; die ACT betrug 276 s. Die Argatroban-Dosis wurde auf 8 μg/kg ✕ min erhöht, was 15 min später zu einer ACT von 289 s und 30 min später zu einer ACT von 372 s führte. Eine weitere Anastomose wurde gesetzt, während die ACT 395 s betrug. Die Argatroban-Gabe wurde beendet und keine prokoagulativen Produkte gefunden. Die Autoren sind aufgrund der trotz hoher ACT-Werte aufgetretenen Blutgerinnsel der Auffassung, dass die ACT den Grad der Argatroban-Antikoagulation nicht adäquat widerspiegelt. Da es postoperativ keine thromboembolischen Ereignisse gab, lag während der Operation kein hyperkoagulatorischer Status vor, wie die Autoren aufgrund der ACT-Werte vermuteten.
Insgesamt ist festzustellen, dass es im Rahmen der On-pump-Operationen des Öfteren zu Koagulopathien kam, die sich aber durch Einsatz von entsprechenden Blutprodukten gut handhaben ließen.
Im Fallbericht von Smith et al. (2008) [5] sollte ein 70-jähriger Mann wegen Mitralregurgitation eine Mitralklappe ersetzt bekommen. Da er bereits im Vorfeld mit einer Heparinallergie auffällig geworden war, wurde zur Antikoagulation während der kardiopulmonalen Bypass-Operation (CPB) Argatroban eingesetzt. Der Patient erhielt im Vorfeld 350 μg/kg Argatroban und die Infusion wurde mit 25 μg/kg ✕ min begonnen. Wegen der zu niedrigen ACT von 230 s wurde ein zweiter Bolus von 180 μg/kg gegeben und die Infusionsrate auf 40 μg/kg ✕ min erhöht. Die ACT lag während der CPB zwischen 320 s und 476 s. Nach einer Dauer von 90 min der CPB wurde die Argatroban-Infusion beendet. Die ACT betrug immer noch 305 s und es gab moderate Blutungen. Nach Gabe von Frischplasma (Fresh Frozen Plasma), Thrombozyten und Erythrozyten stabilisierte sich der Zustand des Patienten schnell. Die Autoren empfehlen den Gebrauch von Argatroban als alternativem Antikoagulans anstelle von Heparin bei kardiopulmonalen Bypass-Operationen.
Der Fall einer 68 Jahre alten Frau mit Diabetes und terminaler Niereninsuffizienz wird von Edwards et al. (2003) [6] beschrieben. Sie musste als Notfall eine Myokardrevaskularisierung erhalten. Aufgrund der diagnostizierten HIT II wurde die kardiopulmonale Bypass-Operation mit Antikoagulation unter Argatroban durchgeführt. Nach einem Initialbolus von 0,1 mg/kg Argatroban betrug die Dosis der kontinuierlichen Infusion 5 – 10 μg/kg ✕ min, die nach 20 min eine ACT von 265 s zur Folge hatte. Zwei weitere Bolusgaben von je 2 mg führten zur ACT von 349 s. Mit einem vierten Bolus von 2 mg wurde eine ACT > 400 s erreicht und die CPB begonnen. Drei Stunden nach Operationsende und Absetzen von Argatroban war die ACT auf 250 s gesunken. Die Patientin erhielt wegen einer Koagulopathie Infusionen von Blutprodukten. Zwei Tage später war ihr Zustand normal und weitere Komplikationen wurden nicht beobachtet.
Furukawa et al. (2001) [7] berichten über eine erfolgreiche Aortenklappenersatzoperation, die mit Hilfe von Argatroban an einem 44-jährigen Mann mit multiplem Organversagen und AT III-Defizienz durchgeführt wurde. Nach einem Bolus von 0,1 mg/kg Argatroban folgte eine kontinuierliche Infusion mit 5 – 10 μg/kg ✕ min, angepasst bis zum Erreichen einer ACT von 300 – 400 s. Die Infusion wurde nach Abschluss der CPB beendet. Ein kleiner Thrombus wurde im Reservoir entdeckt. Eine Stunde später betrug die ACT 278 s und erreichte nach 7 Stunden ihren Normalwert. Es gab keine weiteren Komplikationen, doch empfehlen die Autoren aufgrund des Thrombus eine ACT >400 s während Herzoperationen.
Gasparovic et al. (2004) [8] berichten über den Austausch einer Aortenklappe bei einem 82-jährigen Mann mit heparininduzierter Thrombozytopenie (HIT II). Die Argatroban-Infusion wurde mit 10 μg/kg ✕ min begonnen, nach Erreichen einer ACT von 350 s wurde der kardiopulmonale Bypass gesetzt. Die Infusionsdosis wurde auf 3 μg/kg ✕ min reduziert und noch während der Operation beendet. Die ACT lag zu dem Zeitpunkt zwischen 600 und 700 s und erreichte erst ca. 8 Stunden nach Operationsende ihren Normalwert. Die auftretende Koagulopathie konnte mit der Gabe von Blutprodukten ausgeglichen werden. Die Autoren empfehlen den Einsatz von Argatroban mit niedrigeren Anfangsdosen, um auf individuell unterschiedliche Reaktionen schneller reagieren zu können.

Die Erfahrungen mit Argatroban bei HIT II-Patienten nach verschiedenen kardiochirurgischen Eingriffen, wie z.B. Bypass-Operationen und Herzklappenersatz, die publiziert wurden, werden in der Folge kurz vorgestellt. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass bei den publizierten Fällen die Patienten mit deutlich geringeren Dosierungen von Argatroban ausreichend antikoaguliert waren (zusammenfassende Darstellung s. Tab. 2).
Bei kritisch kranken Patienten wurde eine eindeutige Korrelation zwischen dem Schweregrad der Erkrankung, beurteilt nach dem APACHE-II- (Acute Physiology and Chronic Health Evaluation), dem SAPS-II- (Simplified Acute Physiology) und dem SOFA-Score (Sequential Organ Failure Assessment), und der für eine ausreichende Antikoagulation benötigten Argatroban-Dosis gefunden [9] [10].
Die Ergebnisse legen nahe, dass reduzierte Initialdosen von beispielsweise 0,5 μg/kg ✕ min, angepasst auf den Erhalt therapeutischer aPTT-Werte, für eine schnelle und adäquate Antikoagulation bei postoperativen CABG Patienten sorgen.
In einer retrospektiven Krankenakten-Übersichtsstudie berichten Hoffman et al. (2008) [11] über Erfahrungen mit Argatroban bei 39 Patienten mit Verdacht auf oder bestätigter HIT II nach aorto-koronarer Bypass-Operation. Die mittlere Initialdosis von Argatroban betrug 0,5 μg/kg ✕ min, und die Patienten bekamen typischerweise insgesamt zwei Dosisanpassungen. Im Mittel erhielten die Patienten eine Dosis von 0,6 μg/kg ✕ min (0,05 – 3,0) für über 5 Tage. Innerhalb ungefähr 16 Stunden der Therapie erreichten 85% (33) der Patienten konsekutive therapeutische aPTT-Werte. Ein Patient entwickelte eine Thrombose, einem musste ein Finger amputiert werden, 7 starben (5 nach Absetzen von Argatroban) und 4 hatten signifikante Blutungen.
Reichert et al. (2003) [12] berichten bei 4 Patienten mit bestätigter HIT II über exzessive Antikoagulation nach Beginn einer Argatroban-Therapie (1 – 2 μg/kg ✕ min) und relativ normaler Leberfunktion nach einer Herzoperation. Um die angestrebten aPTT-Werte von 40 – 60 s zu erreichen, wurden die Argatroban-Dosierungen auf 0,15 – 1,3 μg/kg ✕ min reduziert.
Koster et al. (2006) [13] verabreichten 14 Patienten nach einer Herzoperation Argatroban und beobachteten bei zwei Patienten nach 2 μg/kg ✕ min einen Anstieg der aPTT auf über 80 Sekunden. Allerdings führte eine Anfangsdosis von 0,8 – 1 μg/kg ✕ min zu schneller und effektiver Antikoagulation innerhalb von 30 Minuten, und bei den meisten Patienten wurde die Dosis später auf weniger als 0,5 μg/kg ✕ min reduziert.
Lau et al. (2005) [14] berichteten auch von der Notwendigkeit einer niedrigeren Argatroban- Dosis (0,1 – 0,4 μg/kg ✕ min) bei einem Patienten nach einer kardiovaskulären Operation mit Bedarf an Hämodialyse und kontinuierlicher Hämofiltration.
Akashi et al. (2002) [15] stellten neun Fallbeispiele zusammen, bei denen eine extrakorporale Zirkulation in Form von perkutanem kardiopulmonalem Support oder kontinuierlicher Hämofiltration angewendet wurde, zum Teil nach Herzoperationen. Die anfängliche Infusionsrate von Argatroban betrug zwischen 0,7 und 1,0 μg/kg ✕ min und wurde so angepasst, dass die ACT-Werte zwischen 180 und 200 s lagen. Die mittlere Dosis von Argatroban betrug 0,67 ✕ 0,4 μg/kg ✕ min, die mittlere Infusionsdauer 82 ± 92 h. Die ACT-Werte blieben stabil, bis auf einen Fall, bei dem die ACT 170 h nach Beginn trotz Dosisreduktion stark verlängert war. Die 58-jährige Frau hatte tracheale Verbrennungen und verstarb. In zwei Fällen gab es kleinere Blutgerinnsel, die jedoch nicht zu einem Filterwechsel führten. Größere Blutungen traten nicht auf. Nach Meinung der Autoren stellt Argatroban eine sinnvolle Alternative zu Heparin bei entsprechender Kontraindikation für die extrakorporale Zirkulation bei Komplikationen nach z.B. Herzoperationen dar.
In einer zweiten Studie (Koster et al., 2007 [16]) an zehn Patienten mit HIT II, die sich einer Nierenersatztherapie nach einer kardiovaskulären Operation unterzogen (renal replacement therapy, RRT), betrug die mittlere Argatroban-Infusionsrate während der RRT 0,06 – 0,12 μg/kg ✕ min (Erhalt der aPTT 50 – 80 s) und 0,20 – 0,29 μg/kg ✕ min zwischen den Prozeduren (Erhalt der aPTT 40 – 60 s).
Lubenow et al. (2003) [17] berichten von dem Aortenklappenersatz einer 44 Jahre alten Frau mit einer Vorgeschichte einer HIT II. Die Ärzte führten eine Kurzzeitexposition zu Heparin während der CPB durch, perioperativ wurde Argatroban eingesetzt. Zur Vorbereitung wurde das von der Frau eingenommene Phenprocoumon abgesetzt und Argatroban mit 1,0 – 1,9 μg/kg ✕ min gegeben, bis die aPTT das 1,5 bis 3-Fache des Ausgangswertes erreichte. Zwei Stunden vor der Herzoperation wurde die Zufuhr beendet und die Operation selbst unter Heparin durchgeführt. 9 Stunden nach Operationsende wurde erneut Argatroban mit 0,1 – 0,15 μg/kg ✕ min gegeben und nach 2 Tagen wieder Phenprocoumon eingesetzt. Es wurde weder eine Bildung von HIT II-Antikörpern festgestellt noch traten andere Probleme auf.

Für die Anwendung von Argatroban bei Schwangeren liegen nur unzureichende Daten vor. Die Wirkung von Argatroban auf die Fortpflanzung konnte in Tierexperimenten nur unvollständig untersucht werden, da die systemische Exposition aufgrund der eingeschränkten Löslichkeit begrenzt war [1] [2]. Teratogenitäts- sowie Mutagenitätsstudien ergaben keine Hinweise auf die entsprechenden Zielparameter, so dass die FDA Argatroban letztendlich der Kategorie B („Pregnancy Category B“1) zuordnete [3].
Die antikoagulationsbedingte erhöhte Blutungsgefahr kann bei einer Argatroban-Behandlung während der Schwangerschaft ein Risiko darstellen. Argatroban enthält Ethanol. Eine 70 kg schwere Patientin, welche die empfohlene Tagesdosis (2,0 μg/kg ✕ min) erhält, würde eine Dosis von ungefähr 0,8 g Ethanol pro Tag erhalten. Argatroban ist während der Schwangerschaft nur nach strenger Indikationsstellung anzuwenden.[1]
Im Folgenden werden vier Fallberichte, die eine Antikoagulation von schwangeren Patientinnen mit Argatroban beschreiben, zusammenfassend dargestellt.
Ekbatani et al. (2010) [4] beschrieben einen Fall einer erfolgreichen Antikoagulation mit Argatroban während der Schwangerschaft (akute HIT II). Nach Auflösung einer tiefen Venenthrombose unter einer Antikoagulation mit Argatroban erfolgte eine ambulante Antikoagulation mit Fondaparinux. Kurz vor der Geburt erfolgte eine Rückumstellung auf Argatroban. Eine Epiduralanästhesie wurde 4 h nach Absetzen der Argatroban-Infusion durchgeführt. Nach der Geburt wurde die Antikoagulation mit Fondaparinux s.c. fortgeführt.
Taniguchi et al. (2008) [5] publizierten die erfolgreiche Antikoagulation mit Argatroban bei einer 35-jährigen Patientin im 2. Trimester der Schwangerschaft (22. Schwangerschaftswoche) mit einer massiven Lungenembolie, HIT II und einer Anämie aufgrund eines myelodysplastischen Syndroms (MDS). Im Rahmen einer notfallmäßigen Embolektomie wurde die Patientin während der Operation mit CPB mit Argatroban antikoaguliert. Nach einer Bolusgabe von Argatroban (0,1 mg/kg) wurde der CPB eingeleitet, um eine Embolektomie vorzunehmen. Die Antikoagulation erfolgte dann mit einer kontinuierlichen Infusion von Argatroban (5 – 10 μg/kg ✕ min), um eine Ziel-ACT von > 350 s zu erhalten. Nach erfolgreicher Intervention wurde die Patientin später von einem gesunden Baby entbunden.
Young et al. (2008) [6] beschrieben den Fall einer 26-jährigen Patientin im letzten Trimester der Schwangerschaft mit einer Pfortader-Thrombose und der Verdachtsdiagnose HIT II. Während der 33. Schwangerschaftswoche wurde eine Antikoagulation mit einer Argatroban-Dosis von 2,0 μg/kg ✕ min begonnen. Basierend auf der aPTT (Ziel-aPTT: 55 – 70 s) wurde die erforderliche Dosis angepasst (Infusionsraten: 2 – 8 μg/kg ✕ min). Die Antikoagulation mit Argatroban wurde bis 7 h vor der Einleitung der Geburt (Epidural-Anästhesie) in der 39. Schwangerschaftswoche fortgeführt. Die Patientin wurde von einem gesunden Jungen entbunden, der keine Beeinträchtigungen hatte, die auf die Argatroban-Gabe bei der Mutter zurückzuführen gewesen wären. Die Behandlung mit Argatroban betrug ca. 7 Wochen (33. bis 39. Schwangerschaftswoche).
Tanimura et al. (2012) [7] publizierten den Fall einer 33-jährigen Erstschwangeren mit hereditärem Antithrombinmangel Typ 1, die in der 7. Schwangerschaftswoche eine tiefe Beinvenenthrombose entwickelte. Unter einer intravenösen antithrombotischen Therapie mit Urokinase (24.000 Einheiten/Tag), unfraktioniertem Heparin (20.000 Einheiten/Tag) und Antithrombinkonzentrat (3.000 Einheiten/Tag) entwickelte die Patientin nach zwei Wochen eine HIT II. Ab der 9. bis zur 12. Schwangerschaftswoche wurde die Patientin mit 2,5 – 4,5 μg/kg x min Argatroban antikoaguliert (Antithrombin wurde auch unter Argatroban weiter gegeben). Unter Argatroban stieg die Thrombozytenzahl von 136 x 109/l auf 265 x 109/l an. Nach der intravenösen Therapie wurde die Patientin weiter mit Fondaparinux (2,5 mg/Tag) subkutan antikoaguliert. Die Patientin wurde von einem Jungen entbunden (2.800 g; Apgar-Score 9 – 10). Die Antithrombinaktivität des Neugeborenen betrug 14 %. Sechs Stunden nach der Niederkunft wurde die Patientin wieder mit Argatroban antikoaguliert und in Folge auf Warfarin (3 mg/Tag) umgestellt.
Es liegen keine Informationen über den Übergang von Argatroban in die Muttermilch vor. Tierexperimentelle Studien mit radioaktiv markiertem Argatroban zeigten, dass sich die Radioaktivität in der Muttermilch stärker als im Blut der Muttertiere anreichert [1] [2]. Gemäß Fachinformation [1] sollte während einer Behandlung mit Argatroban nicht gestillt werden.
1 Animal reproduction studies have failed to demonstrate a risk to the fetus and there are no adequate and well-controlled studies in pregnant women.
Quelle: https://chemm.nlm.nih.gov/pregnancycategories.htm
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