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Blutungen

Wie bei allen anderen Antikoagulanzien stellen auch bei Argatroban Blutungen die wichtigste Nebenwirkung dar. Daher wurde diesem Aspekt in den beiden Studien (ARG 911, ARG 915) die größte Bedeutung in der Analyse des Sicherheitsprofils beigemessen. Sie wurden in größere und kleinere Blutungen gemäß folgernder Definition unterteilt [1] [2]:

Größere Blutung

Kleinere Blutung

Die Ergebnisse werden in der folgenden Tabelle zusammengefasst. 

Tabelle 1: Zahl der Patienten (%) der ARG 911- und ARG 915-Studien mit größeren und kleineren Blutungen (nach [1] [2])

Hierbei ist zu berücksichtigen, dass unerwünschte Nebenwirkungen bei den historischen Kontrollen nicht prospektiv aufgezeichnet wurden, wie das bei den klinischen Studien der Fall war. Damit ist ein direkter aussagekräftiger Vergleich der Häufigkeit des Auftretens von größeren oder kleineren Blutungen in beiden Gruppen nicht möglich. In der historischen Kontrollgruppe wurde vorwiegend Warfarin als alternatives Antikoagulans eingesetzt, das zum gegenwärtigen Zeitpunkt als primäre Therapie bei HIT II nicht empfohlen wird. [3]

Die Analysen zeigten, dass die Häufigkeit größerer Blutungen bei Patienten mit einem aPTT-Wert von mehr als dem 3,0-fachen des Ausgangswertes (Referenzwert) etwa dreimal höher war als bei Patienten, deren aPTT im therapeutischen Bereich lag. Bei der Argatroban-Therapie sollte daher die Dosis so eingestellt werden, dass ein Ziel-aPTT-Wert vom 1,5- bis 3,0-fachen des Ausgangswertes erreicht wird, jedoch nicht mehr als 100 s. [1] [2]

Größere Blutungen wurden bei 31 mit Argatroban behandelten Patienten beobachtet (beide Studien zusammen genommen). Die Blutungsstellen bei diesen Patienten werden in Tab. 2 dargestellt.

Tabelle 2: Lokalisation größerer Blutungen bei 31 mit Argatroban behandelten Patienten in den ARG 911- und ARG 915-Studien gemäß Klassifikation durch den behandelnden Arzt. (nach [4])
4 Tage nach Absetzen von Argatroban
** Bei Patienten kann mehr als eine Blutung aufgetreten sein.

Anzumerken ist, dass bei vielen Patienten dieser Studien zentrale Zugänge gelegt waren. Viele Patienten mussten sich während der Argatroban-Therapie einem operativen Eingriff wie operative Wundsanierung, Fasziotomie, Endoskopie oder Amputation unterziehen. Diese Eingriffe können daher die Inzidenz der in diesen Studien beobachteten Blutungen beeinflusst haben. [1] [2] [4]

Unerwünschte Wirkungen ohne Blutungen (Nebenwirkungen)

Nur vier der in den Studien ARG 911  und ARG 915 berichteten unerwünschten Wirkungen (außer Blutungen), die möglicherweise als Argatroban assoziiert zu betrachten sind, sind als häufig zu bezeichnen – d.h. sie wurden von mehr als 1 % und weniger als 10 % der Patienten angegeben. Alle anderen unerwünschten Nebenwirkungen wurden von weniger als 1 % der Patienten berichtet. [1] [2]

Häufig berichtete Nebenwirkungen waren [1] [2]:

Die Häufigkeit der Nebenwirkungen beider Studien (568 Patienten mit HIT II), die möglicherweise mit Argatroban in Zusammenhang stehen, ist nachstehend in Tab. 3 aufgeführt.

Anaphylaktische Reaktionen wurden von HIT II-Patienten, die mit Argatroban behandelt wurden, nicht berichtet. Hautrötungen, die Anzeichen einer allergischen Reaktion sein können, wurden selten berichtet (zwischen 1/10.000 und 1/1.000).

Tabelle 3: Häufigkeit von Nebenwirkungen in klinischen Studien (568 Patienten mit HIT II), die möglicherweise mit Argatroban in Zusammenhang stehen [5].
intrazerebrale Blutung / Häufigkeit auf Grundlage der verfügbaren Daten nicht abschätzbar

ARG 915 war eine multizentrische, offene Studie zu Argatroban bei HIT-Patienten mit oder ohne thromboembolische Komplikationen, bei der die Wirksamkeit und Sicherheit von Argatroban untersucht wurden. Die Ergebnisse wurden in dieser Studie mit historischen Kontrollen verglichen. Das Studiendesign entsprach im Wesentlichen dem der ARG 911-Studie. Ein Wirksamkeitsvergleich zwischen der aktiven Behandlungsgruppe aus ARG 915 und der historischen Kontrollgruppe aus ARG 911 war aufgrund der Ähnlichkeit von Studiendesign, Fallberichten und Datenerfassungsmethoden möglich. Insgesamt wurden 264 Patienten (125 in der HIT-Gruppe und 139 in der HITTS-Gruppe) eingeschlossen.

Der wichtigste Unterschied zwischen ARG 915 und ARG 911 lag darin, dass es bei ARG 915 keine obere Altersbegrenzung gab, daher wurden auch Patienten über 80 Jahre in die Studie aufgenommen. Patienten, die an ARG 911 teilgenommen hatten, konnten ebenfalls an ARG 915 teilnehmen. Patienten konnten auch, falls erforderlich, mehr als einmal in ARG 915 eingeschlossen werden. Um jegliche Voreingenommenheit zu vermeiden, wurden diese Wiederholungspatienten von den Wirksamkeitsanalysen ausgeschlossen.

Die wichtigsten Ergebnisse zur Wirksamkeit bei HIT II-Patienten ohne Thrombose (HIT) und mit Thrombose (HITTS) verglichen mit der historischen Kontrollgruppe.

Tabelle 4.2: Studie ARG 915: Die wichtigsten Ergebnisse zur Wirksamkeit bei HIT II-Patienten ohne Thrombose (HIT) und mit Thrombose (HITTS) verglichen mit der historischen Kontrollgruppe.
‡Reihenfolge des Schweregrades: Gesamtsterblichkeit > Amputation > Neue Thrombose
Als schlimmstes Ereignis berichtet

Die verabreichte mittlere Dosis von Argatroban betrug 1,8 μg/kg × min bei HIT-Patienten und 1,9 μg/kg × min bei HITTS-Patienten. Insgesamt zeigen sich die Ergebnisse von ARG 915 konsistent mit denen der ARG 911-Studie

Die weiteren Auswertungen der Studienergebnisse zeigten, dass

Abbildung: Veränderung der mittleren Thrombozytenzahl am dritten Behandlungstag.

Die Studie ARG 915 wurde als ARG 915X weitergeführt. ARG 915X war eine prospektive, nicht randomisierte, multizentrische Studie, die die Anwendung von Argatroban

bei HIT II-Patienten während des Zulassungsprozesses in den USA erlaubte. Insgesamt wurden weitere 154 Patienten in das Untersuchungsprogramm eingeschlossen.

Da beiden Studien ein ähnliches Design zugrunde lag, konnten die Ergebnisse der Studien ARG911 und ARG915 in einer weiteren Analyse zusammengeführt werden [1]. Dazu zählten die mittlere absolute Differenz zwischen mit Argatroban behandelten Patienten und den historischen Kontrollen mit 95 %-Konfidenzintervallen (CI) für den kombinierten Endpunkt, seine aufgeschlüsselten Einzelbestandteile wie Tod, Amputation und neue Thrombose (als schlimmstes Ereignis analysiert) und jede beliebige neue Thrombose (nicht notwendigerweise als schlimmstes Ereignis) zu einem beliebigen Zeitpunkt während der Dauer der Studie.

Bei den kombinierten HIT- und HITTS-Populationen der Studien ARG 911  und ARG 915 betrug die absolute Verringerung der Thromboserate als schlimmstes Ereignis 9,6 % (95 % CI -16,3; -3,0 %) und die absolute Verringerung einer neuen Thrombose während der Argatroban-Behandlung 17,2 % (95 % CI -25; -9,49 %) im Vergleich zur historischen Kontrollgruppe [1].

Abbildung 1: Kombinierte Analyse der Zeit bis zu einem thrombotischen Ereignis aus den Argatroban-Studien ARG 911 und ARG 915X im Vergleich zur historischen Kontrolle für HIT II-Patienten mit und ohne Thrombose: Anteil der ereignisfreien Patienten (nach [1]).

  • In den Studien ARG 911 und ARG 915 wurde bei 83 % der Patienten innerhalb von 3 – 4,5 h nach Beginn der Infusion eine adäquate Antikoagulation, d.h. therapeutische aPTT-Werte erreicht [1].
  • In beiden Studien wies die Argatroban-Therapie eine deutliche Reduktion der Häufigkeit des primären Endpunktes (kombinierter Endpunkt aus Gesamtsterblichkeit, Amputation und neuer Thrombose) auf. Dies war bei beiden Studien als auch bei der gepoolten Analyse beider Studien in der HIT- und in der zusammengefassten HIT- plus HITTS-Gruppe statistisch signifikant. Bei der HITTS-Gruppe fand sich ein Trend zu einem besseren Ergebnis für Argatroban-Patienten, wenngleich dieser aufgrund der geringen Zahl von Patienten in den historischen Kontrollgruppen keine statistische Signifikanz erreichte [2] [3] [4]
  • Sowohl in den HIT- als auch HITTS-Gruppen verzögerte Argatroban signifikant das Eintreten des kombinierten Endpunktes (Tod, Amputation oder neue Thrombose) [2] [3] [4]
  • Bei beiden Studien war die Inzidenz einer neuen Thrombose (als schlimmstes Ereignis) im Vergleich zu den mit Standardtherapie behandelten historischen Kontrollen reduziert. In der HITTS-Gruppe war diese Variable nur in der Studie ARG 915  zugunsten von Argatroban statistisch signifikant [2] [3] [4]
  • Die durch Thrombose bedingte Mortalität war in der ARG 911-Studie in beiden Subgruppen (HIT und HITTS) im Argatroban-Arm signifikant reduziert [2]
  • Die Analyse der kombinierten HIT- und HITTS-Populationen beider Studien wies im Vergleich zu den historischen Kontrollen eine absolute Reduktion der Inzidenz neuer Thrombosen (als schlimmstem Ereignis) von 9,6 % auf. Ferner zeigte sie eine absolute Reduktion um 17,2 % für die Entwicklung jedweder neuen Thrombose in der mit Argatroban behandelten Patientengruppe [4]
  • Alle Patienten der ARG 911-Studie und alle, mit einer Ausnahme, der ARG 915-Studie, bei denen eine Amputation notwendig wurde, wiesen bereits vor Beginn der Argatroban-Behandlung eine schwere / irreversible Ischämie bzw. Nekrose auf. Infolgedessen konnte Argatroban daher in einem solchen späten Stadium nur minimale Wirkung auf die Amputationsrate ausüben [2] [3] [4]
  • Größere bzw. kleinere Blutungen waren in beiden Gruppen vergleichbar [2].

Kombinierte Auswertung der klinischen Endpunkte

Bei ARG 911 handelte es sich um eine prospektive, multizentrische, offene Studie zur Bewertung der Wirksamkeit und Sicherheit von Argatroban bei Patienten mit HIT II im Vergleich zu historischen Kontrollen [1]. Insgesamt wurden 304 Patienten in die Studie eingeschlossen und in zwei Gruppen unterteilt:

  • HIT-Gruppe: Patienten mit diagnostizierter Thrombozytopenie (definiert als Thrombozytenzahl von < 100 x 109/loder einer 50 %igen Verringerung der Thrombozytenzahl des Ausgangswertes) nach Beginn einer Heparin-Therapie und ohne neue Thrombose unter Heparin, sowie Patienten mit dokumentierter Vorgeschichte, positiver HIT-Antikörper-Nachweis ohne Thrombozytopenie, d.h. Patienten mit hohem Risiko einer akuten HIT, bei denen eine Antikoagulation erforderlich ist (N = 160).
  • HITTS-Gruppe: Patienten mit der gleichen Thrombozytopenie-Diagnose wie in der ‘HIT-Gruppe’, jedoch mit Thrombose nach Beginn der Heparin-Therapie (N = 144).

Potentielle historische Kontrollpatienten wurden anhand von Laboraufzeichnungen identifiziert. Dabei handelte es sich um Patienten, die innerhalb der letzten 4 Jahre vor Beginn der Studie in einem der teilnehmenden Prüfzentren behandelt worden waren und die gleichen Einschlusskriterien erfüllten wie die Patienten, die in die Studie aufgenommen wurden. Die Patienten der Kontrollgruppe waren zum Zeitpunkt der HIT-Diagnose anhand der in den USA vor Ort gültigen Behandlungsprotokolle behandelt worden. Zur typischen Behandlung zählte das Absetzen von Heparin und/oder die Gabe von Vitamin K-Antagonisten. Für die historische Vergleichskontrolle wurden die Daten von 193 Patienten (147 HIT- und 46 HITTS-Patienten) herangezogen.

Anstelle einer Placebo-Gruppe wurde zu Vergleichszwecken eine historische Kontrollgruppe herangezogen, da zum Zeitpunkt der Studie kein Antikoagulans für die Behandlung von HIT II eine Zulassung besaß, das zum Vergleich hätte herangezogen werden können, und es als unethisch angesehen wurde, Patienten in kritischem Gesundheitszustand eine wirksame Behandlung vorzuenthalten.

Die Patienten erhielten Argatroban als kontinuierliche intravenöse Infusion in einer Initialdosis von 2 μg/kg ´min, die Dosis wurde so eingestellt, dass eine aPTT im steady state vom 1,5- bis 3,0-fachen des Ausgangswertes erreicht wurde, jedoch nicht den Grenzwert von 100 s überschritt. Die Maximaldosis war auf 10 μg/kg ´ min festgesetzt. Die Behandlung wurde solange fortgeführt, bis ein ausreichender therapeutischer Effekt erzielt worden war und die antikoagulatorische Therapie mit anderen Mitteln fortgesetzt werden konnte. Die maximale Behandlungsdauer war auf 14 Tage limitiert.

Primärer Endpunkt für den Wirksamkeitsnachweis war der kombinierte Endpunkt aus:

Gesamtsterblichkeit, Amputation (als schlimmstes Ergebnis) oder das Auftreten einer neuen Thrombose (als schlimmstes Ergebnis) innerhalb der 37-tägigen Studiendauer.

Sekundärer Endpunkt für den Wirksamkeitsnachweis waren neben einzelnen Bestandteilen des primären Endpunktes: Tod durch Thrombose, das Auftreten jeder neuen Thrombose, Anstieg der Thrombozytenzahl (Abklingen der Thrombozytopenie) und das Erreichen einer

angemessenen Antikoagulation (anhand der Verlängerung der aPTT).

Zur Bestimmung der Arzneimittelsicherheit wurde das Auftreten größerer oder kleinerer Blutungen bewertet.

Tabelle: Die wichtigsten klinischen Ergebnisse bei Patienten ohne Thrombose (HIT) und mit Thrombose (HITTS) im Vergleich zur historischen Kontrollgruppe in der Studie ARG 911.
‡ Reihenfolge des Schweregrades: Gesamtsterblichkeit > Amputation > Neue Thrombose
Als schlimmstes Ereignis berichtet

Die mittlere Argatroban-Dosis in der HIT-Patientengruppe betrug 2,0 ± 0,1 μg/kg × min und in der HITTS-Patientengruppe 1,9 ± 0,1 μg/kg × min. Die mittlere Therapiedauer lag bei 5,3 ± 0,3 (HIT-Gruppe) bzw. 5,9 ± 0,2 (HITTS-Gruppe) Tagen.

Die nicht signifikanten p-Zahlen in der HITTS-Gruppe sind Folge der niedrigen Patientenzahl in der historischen HITTS-Kontrollgruppe, welche die statistische Aussagekraft reduziert. Wenn die Resultate des kombinierten Endpunktes der HIT- und HITTS-Gruppen zusammengefasst werden, ergibt sich ein statistisch signifikanter Unterschied.

Die weiteren Auswertungen der Studienergebnisse zeigten, dass [1]

  • bei ≥ 83 % der im Rahmen der Studie mit Argatroban behandelten Patienten eine adäquate Antikoagulation erzielt wurde,
  • 76 % der HIT-Patienten und 81 % der HITTS-Patienten die Ziel-aPTT vom mindestens dem 1,5-fachen des Ausgangswertes beim ersten Test nach Beginn der Argatroban-Therapie nach einer mittleren Dauer von 4,6 h (HIT) bzw. 3,9 h (HITTS) erreichten,
  • sich bei 53 % der HIT- und 58 % der HITTS-Patienten die Thrombozytenzahl am dritten Tag erholt hatte (definiert als Anstieg der Thrombozytenzahl auf > 100 x 109/l oder auf das mindestens 1,5-fache der Thrombozytenzahl bei Beginn der Studie),
  • sich sowohl bei den HIT- (p = 0,010) als auch bei den HITTS-Patienten (p = 0,014) im Vergleich zu den historischen Kontrollgruppen ein statistisch signifikanter Unterschied zu Gunsten einer Argatroban-Behandlung fand, wenn man die Zeitdauer bis zum ersten Ereignis des kombinierten Endpunktes analysiert,
  • sich eine relative Risikoverminderung für den kombinierten Endpunkt von 34 % bei HIT-Patienten und von 23 % bei HITTS-Patienten ergab [2],
  • die relative Risikoverminderung einer erneuten thromboembolischen Komplikation bei Patienten mit HIT 64 % und bei Patienten mit HITTS 44 % betrug.