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Das Substitutionsregister der Bundesopiumstelle im Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dient als bundesweites Überwachungsinstrument zur Erfassung des Verschreibungsverhaltens von Substitutionsmitteln bei opioidabhängigen Patient:innen in Deutschland. Ziel ist die frühzeitige Unterbindung von Mehrfachverschreibungen und die Kontrolle suchtmedizinischer Qualifikationen der substituierenden Ärzt:innen sowie die Bereitstellung statistischer Auswertungen. Die Berichte zum Substitutionsregister erscheinen jährlich. Der aktuelle Bericht 2026 berücksichtigt Daten bis zum Stichtag 01. Juli 2025.[1]

Rückläufige Patientenzahlen, weniger Ärzt:innen: Trends und Herausforderungen der Substitutionsversorgung

In Deutschland sind über 160.000 Menschen opioidabhängig.[2] Die Folgen der Abhängigkeit sind für Betroffene und ihre Angehörigen weitreichend. Mit einer geeigneten Substitutionstherapie können sich wirksame Auswege für Betroffene öffnen. Im Bericht 2025 wurde für den Stichtag 1. Juli 2024 eine Gesamtzahl von rund 80.400 Substitutionspatient:innen ausgewiesen. Der Bericht 2026 zeigt dagegen einen weiteren Rückgang: Für den 1. Juli 2025 werden 78.800 Patient:innen gemeldet. Damit setzt sich der bereits 2025 beschriebene Trend einer leichten Abnahme nach dem pandemiebedingten Anstieg der Jahre 2020–2023 fort. Auffällig ist zudem die weiterhin hohe Dynamik im Register: Für 2025 wurden 79.200 An-, Ab- oder Ummeldungen dokumentiert (2024: 85.100).[1]

Auch die Zahl der aktiv substituierenden Ärzt:innen ist rückläufig. Während der Bericht 2025 noch 2.434 substituierende Ärzt:innen auswies, werden im aktuellen Folgebericht nur noch 2.373 Ärzt:innen gemeldet. Langfristig zeigt sich damit ein kontinuierlicher Rückgang seit Beginn der Pandemie. Der Bericht 2026 nennt als mögliche Ursachen insbesondere altersbedingtes Ausscheiden und Nachwuchsprobleme. Die Versorgung konzentriert sich zudem stärker: Rund 14 % der Ärzt:innen betreuen die Hälfte aller Patient:innen, was auf eine zunehmende Zentralisierung spezialisierter Versorgungsstrukturen hinweist. Die Konsiliarregelung bleibt relevant: 21 % der Ärzt:innen nutzten 2025 dieses Modell, behandelten jedoch nur 1,7 % der Patient:innen Damit bleibt sie ein ergänzendes, aber quantitativ begrenztes Instrument. [1]

Relevanz der Registerkontrolle und Qualitätssicherung

Eine Besonderheit des aktuellen Berichts 2026 ist die deutliche Zunahme aufgedeckter Mehrfachbehandlungen: 415 Doppelbehandlungen wurden bundesweit identifiziert und beendet (Bericht 2025: 364). Gegenüber dem Jahr 2020 entspricht dies nahezu einer Verdopplung und unterstreicht die wachsende Bedeutung des Registers als Kontrollinstrument zur Missbrauchsprävention.[1]

Kontinuität beim Einsatz der Substitutionsmittel

Die Wirkstoffverteilung zeigt Kontinuität: Levomethadon (38,6 %) und Methadon (32,0 %) dominieren weiterhin, während Buprenorphin stabil bei etwa 24 % liegt (Abb.1). In 2020 hat Levomethadon erstmals den Anteil an Methadon überschritten. Auch 2025 war Levomethadon führend (38,7 %) und dieser Trend verstetigt sich.[1]

Abb. 1: Art und Anteil der gemeldeten Substitutionsmittel (Stichtag 01.07.2025)[1]

Besonders hervorzuheben ist die Diamorphin-Substitution: 2025 wurden 1.520 Patient:innen in 18 Einrichtungen behandelt (1,9 % aller Patient:innen). Zudem traten 2025 regulatorische Anpassungen der Zugangsvoraussetzungen für die Substitutionsbehandlung einer schweren Opioidabhängigkeit mit Diamorphin in Kraft, die den Zugang erleichtern könnten. Dies stellt im Vergleich zum Vorjahr eine relevante strukturelle Neuerung dar und könnte sich in den nächsten Jahren auch auf die Entwicklung der Zahlen auswirken.[1]

Vergleich der Registerdaten 2025 und 2026 – auf einen Blick

Zusammenfassend zeigt der Vergleich eine moderate Reduktion sowohl der Patientenzahlen als auch der Ärzteschaft, begleitet von einer stärkeren Konzentration der Versorgung, stabilen pharmakotherapeutischen Mustern und einer intensivierten Registerfunktion zur Vermeidung von Doppelbehandlungen (Tab 1). Insgesamt bleibt das Versorgungssystem stabil, steht jedoch vor Herausforderungen hinsichtlich ärztlicher Kapazitäten und regionaler Verteilung.

Tab. 1: Vergleich der Registerdaten 2025 und 2026 anhand ausgewählter Parameter[1]

Wenn Immunsystem und Gerinnung kollidieren: Praktische Strategien für die Intensivmedizin

Univ.-Prof. Dr. Dietmar Fries gibt in diesem Live-Webinar einen wissenschaftlich fundierten Einblick in aktuelle Erkenntnisse sowie praxiserprobte Lösungsansätze zur Antikoagulation in der Intensivmedizin. Die Veranstaltung richtet sich an medizinisches Fachpersonal, das evidenzbasierte Strategien für den klinischen Alltag vertiefen möchte. Das Webinar ist für 2 CME-Punkte akkreditiert – sichern Sie sich Ihre Fortbildungspunkte und melden Sie sich jetzt an. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.

Termin: 10. März 2026
Uhrzeit: 17:00–18:00 Uhr
Format: Online-Webinar (Zoom)

Hier geht es zur Anmeldung: https://inside.ethypharm.de/webinar-anmeldung/fries/

Als Betäubungsmittel (BTM) unterliegen Substitutionsmittel strengen rechtlichen Vorgaben, sodass schon kleine Formfehler ein Rezept ungültig machen können. Hinzu kommen umfangreiche Dokumentationspflichten und regelmäßig angepasste Rahmenbedingungen. Die Referentin Dr. Dina Kottke, Geschäftsführerin von SubstiCare und approbierte Apothekerin, vermittelte in unserer neuen Fortbildung mit dem Titel:  Korrekte Verschreibung nach BtMVV — worauf muss ich achten? praxisnahes Wissen zu Substitutionsmitteln, rechtlichen Vorgaben und praktischen Hinweisen zur korrekten Verschreibung.

Nach einer kurzen Vorstellung von SubstiCare gab Dr. Kottke zunächst einen Überblick über die aktuell wichtigsten in der Suchtversorgung eingesetzten Wirkstoffe der Opioid-Agonisten-Therapie. Neben Methadon und Levomethadon, erläuterte sie die vielseitigen Darreichungsformen von Buprenorphin und erklärte die Wirkweise von Buprenorphin/Naloxon sowie retardiertem Morphin.

Was ist bei der Verschreibung nach BtMVV zu beachten?

Ein zentraler Teil des Webinars widmete sich der Verschreibungspraxis von Betäubungsmitteln. Das BTM-Rezept gilt als „Königsklasse“, da es besonders strengen Anforderungen unterliegt: Es besteht aus drei Teilen (Durchschlag für die Arztpraxis, ein Teil für die Apotheke, ein Abrechnungsbeleg für die Krankenkasse), ist 7+1 Tage gültig und erfordert exakte Angaben zu Patientendaten, Dosierung und Sonderkennzeichen (S, Substitution; ST, Take-Home-Verschreibung). Fehler führen schnell zur Ungültigkeit. Zudem schreibt §17 BtMG eine lückenlose Dokumentation von Beständen und Abgaben vor. Dr. Kottke stellte in ihrem Vortrag einige Beispiele vor und erläuterte anhand dieser wichtige Punkte, die es beim Ausfüllen von BTM-Rezepten und der Dokumentation von Zugängen, Abgaben und Beständen zu beachten gilt.

Welche rechtlichen Neuerungen gibt es in der Verschreibung von Substitutionsmitteln?

Zum Abschluss gab Dr. Kottke einen kurzen Überblick über aktuelle Neuerungen der Rechtslage, welche die Verschreibung von Substitutionsmittel betreffen:

Das Webinar bot kompakte, praxisnahe Informationen zur Substitutionstherapie, rechtlichen Vorgaben und pharmakologischem Hintergrund von Substitutionsmitteln. Dr. Kottke betonte die Bedeutung von sorgfältiger Dokumentation und patientenzentrierter Versorgung. Die Fortbildung ist mit 2 CME-Punkten zertifiziert und als On-Demand-Video mit anschließender Lernleistungskontrolle hier auf unserer Fortbildungsplattform Ethypharm insiders verfügbar.

Schauen Sie gleich rein! Hier geht’s zum Video

„Veränderung ist ein Prozess“

Norman Zipplies

Herr Zipplies, Sie arbeiten seit vielen Jahren in der psychosozialen Betreuung von Substituierten. Warum ist diese Begleitung neben der medikamentösen Behandlung so entscheidend?

Norman Zipplies: Die Substitution hat klare Ziele: körperliche und psychische Stabilisierung, Distanzierung von der Drogenszene und eine Reduktion von Risiken und Delinquenz. Aber Medikamente allein reichen nicht. Viele Patientinnen und Patienten bringen schwere Belastungen mit – traumatische Erfahrungen, psychische Begleiterkrankungen, soziale Isolation, Arbeitslosigkeit oder prekäre Wohnsituationen. Die psychosoziale Begleitbetreuung (PSB) bietet hier Orientierung, Unterstützung im Alltag und vor allem Beziehung. Sie schafft einen Raum, in dem Menschen lernen können, sich selbstwirksam zu erleben.

Welche konkreten Angebote umfasst die PSB?

Norman Zipplies: Das Spektrum ist breit. Wir führen Beratungsgespräche mit Betroffenen und Angehörigen, bieten Krisenintervention, unterstützen bei behördlichen Angelegenheiten oder bei der Wohnungssuche. Wir vermitteln in weiterführende Hilfen – sei es Entgiftung, Rehabilitation oder stationäre Therapie. Manche Patientinnen und Patienten brauchen eine Art „Sekretärin oder Sekretär“ – eine Person, die sie im Kontakt mit Einrichtungen wie dem Jobcenter oder den Stadtwerken unterstützt – andere jemanden, der zuhört, Mut macht oder einfach da ist. Manchmal geht es sogar um Seelsorge oder Sterbebegleitung. Entscheidend ist, flexibel auf die jeweilige Lebenslage zu reagieren.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit substituierenden Ärztinnen und Ärzten?

Norman Zipplies: Sie ist zentral. Nur im regelmäßigen Austausch lassen sich Rückfälle, steigender Beikonsum oder auch eine geplante Dosisreduktion gemeinsam begleiten. Ärztinnen bzw. Ärzte und psychosoziale Fachkräfte ergänzen sich: Die Ärztin bzw. der Arzt stabilisiert pharmakologisch, wir unterstützen psychosozial. Studien zeigen, dass diese Kombination einer rein medikamentösen Substitutionstherapie überlegen ist. Wichtig ist aber auch: Eine Substitutionsbehandlung darf nicht verweigert werden, wenn jemand die PSB nicht wahrnimmt – außer bei Diamorphin, wo in den ersten sechs Monaten psychosoziale Betreuung verpflichtend ist.

Viele Patientinnen und Patienten scheitern mehrfach an Veränderungsprozessen. Sie arbeiten mit dem „Transtheoretischen Modell“ von Prochaska und DiClemente. Wie hilft es Ihnen im Alltag?

Norman Zipplies: Dieses Modell beschreibt, dass eine Verhaltensänderung nicht linear, sondern in Phasen, verläuft. Wir unterscheiden fünf Stadien:

  1. Absichtslosigkeit („niemals“): Es besteht kein Problembewusstsein und kein Interesse, etwas zu verändern. Eine Auseinandersetzung wird vermieden; häufig zeigen sich Resignation, Rationalisierung oder offene Rebellion. In dieser Phase ist es wichtig, Informationen zu geben, nach emotionalen Bezügen zu suchen, alternative Sichtweisen anzubieten und oft auch das Selbstvertrauen der Betroffenen aufzubauen.
  2. Absichtsbildung („eines Tages“): Die Betroffenen setzen sich bewusst mit dem Problem auseinander, haben aber noch keine konkreten Pläne. Ambivalenz ist typisch – die wahrgenommenen Vor- und Nachteile halten sich die Waage. Sie sind interessiert, aber noch nicht entschlossen. Hilfreich sind motivierende Strategien wie das Führen von Tagebüchern sowie kleine Impulse, die Veränderungen anstoßen.
  3. Vorbereitung („bald“): Die Motivation zur Veränderung ist hoch, oft mit dem Ziel, in den nächsten 30 Tagen konkrete Schritte einzuleiten – die Entscheidung ist also bereits gefallen. An diesem Punkt können wir Alternativen aufzeigen, realistische und akzeptable Veränderungsschritte entwickeln und verbindliche Vereinbarungen mit den Substituierten treffen.
  4. Aktion („jetzt“): In dieser Phase werden konkrete, sichtbare Veränderungsschritte mit viel Entschlossenheit und Engagement umgesetzt. Das Risiko für Rückfälle ist in dieser Phase allerdings hoch. Deshalb kommt der Stärkung des Selbstvertrauens, der Rückfallprophylaxe und dem Einrichten regelmäßiger Kontakte, die Halt und Orientierung geben, eine besonders wichtige Rolle zu.
  5. Aufrechterhaltung („immer“): Die Veränderungen werden über längere Zeit durchgehalten und das neue Verhalten verfestigt sich. Zentral sind Skill-Training, kontinuierliche Begleitung und Hilfestellung, um die neuen Muster zu stabilisieren und Rückfällen vorzubeugen.

Dieses Modell verdeutlicht: Rückfälle sind kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses. Wer das versteht, bleibt empathisch und kann sowohl fordernd als auch fördernd agieren.

Was ist Ihr persönliches Anliegen in der Arbeit mit Substituierten?

Norman Zipplies: Es geht mir darum, Menschen in ihrer Eigenverantwortung zu stärken und ihre Ressourcen sichtbar zu machen. Viele erleben sich seit Jahren als „defizitär“ oder stigmatisiert. PSB bedeutet, Wertschätzung zu geben, Vertrauen zu schaffen und Perspektiven zu eröffnen. Ärztinnen und Ärzte können hier eine Schlüsselrolle spielen, indem sie die psychosoziale Begleitung aktiv ansprechen und als gleichwertigen Bestandteil der Behandlung vermitteln. Denn nur wenn pharmakologische und psychosoziale Ansätze zusammenspielen, eröffnen sich echte Chancen für nachhaltige Veränderung.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Norman Zipplies: Mehr gegenseitiges Verständnis zwischen den Professionen – und den Mut, die Behandlung konsequent patientenzentriert zu denken. Veränderung ist ein Prozess. Wenn wir diesen Weg gemeinsam gehen, haben unsere Patientinnen und Patienten die besten Chancen, wieder Vertrauen in sich selbst und ihre Zukunft zu gewinnen.


Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Seit Juli 2024 ist Espranor® – Buprenorphin als schnelllösliches Lyophilisat zum Einnehmen – auf dem Markt. Welche Bedeutung hat die Zulassung von Espranor® für Ihre Arbeit als substituierender Arzt?

Christoph Abel: Ich habe die Zulassung von Espranor® sehr begrüßt – vor allem, weil das Präparat die tägliche Vergabe in der Praxis spürbar erleichtert. Die Anwendung ist unkompliziert, der Kontrollaufwand reduziert sich deutlich, und auch mit Blick auf die Sicherheit bringt Espranor® klare Vorteile. Es handelt sich zwar nicht um einen neuen Wirkstoff, aber das Handling ist deutlich einfacher – auch im Vergleich zu anderen Darreichungsformen, die eine schnellere Auflösung versprochen haben, aber mit denen wir in der Praxis keine guten Erfahrungen gemacht haben.

Es zeigt sich aber auch: Nicht alle Patienten akzeptieren Espranor® gleichermaßen. So wird von Patienten, die von einer anderen Praxis zu uns wechseln oder die über einen längeren Zeitraum ein anderes Präparat erhalten haben, manchmal der Geschmack angesprochen.

Wesentlich bleibt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Wenn dieses gegeben ist und die Behandlung auf Augenhöhe stattfindet, funktioniert Espranor® sehr gut – auch bei komplexeren Ausgangssituationen. So haben wir bei einem Patienten mit Oxycodon-Missbrauch mit der Einstellung auf Espranor® sehr gute Erfahrungen gemacht.

Auch in der Substitutionsbehandlung in der Justizvollzugsanstalt halte ich Espranor® für gut einsetzbar, vor allem wegen des geringen Aufwands bei der Vergabe. Einige Patienten wechseln später jedoch zurück zu Levomethadon, weil sie mit dem klareren Gefühl und der nicht so stark sedierenden Wirkung von Buprenorphin nicht zurechtkommen.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen von Espranor® auf die Versorgungslandschaft in der substitutionsgestützten Behandlung Opioidabhängiger ein? Hat das Medikament spezifische Veränderungen in der Organisation der Versorgung, den Behandlungsansätzen oder der Akzeptanz bei Patientinnen und Patienten bewirkt?

Christoph Abel: Substitutionspatienten sind für mich eine der dankbarsten Patientengruppen. Hier lässt sich gut gemeinsam arbeiten, und man kann unmittelbar erleben, wie eine tragfähige Arzt/Patient-Beziehung entsteht – und was sie therapeutisch bewirken kann. In diesem Zusammenhang ist das konkrete Präparat oft zweitrangig.

Die Wahl des Substitutionsmittels sollte sich primär an der klinischen Situation und an der Lebensrealität der Patienten orientieren – das Handling kann einen Einfluss darauf haben, ist in der Wahl des Substituts aber sekundär. Wichtig für mich ist, gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten und auf dieser Grundlage dann das passende Substitut zu wählen.

Viele Patienten wünschen sich eine sedierende Wirkung – dann ist Methadon oder Levomethadon das Mittel der Wahl. Anders verhält es sich, wenn unter Methadon Nebenwirkungen auftreten oder dieser Wirkstoff aus anderen Gründen nicht eingesetzt werden soll. Dann kann Buprenorphin – und damit auch Espranor® – eine Alternative sein. Die Entscheidung sollte stets patientenorientiert und an den individuellen Bedarf angepasst erfolgen. In dieser Situation spielen immer auch der Beikonsum und dessen Reduzierung eine große Rolle.

Aus organisatorischer Sicht bietet Espranor® Vorteile: Die Vergabe ist zeiteffizient, die Lagerung unkompliziert. Generell stellen jedoch in der Substitutionsmedizin strukturelle und regulatorische Hürden – etwa Dokumentationspflichten oder die Komplexität der Abrechnung – nach wie vor eine Herausforderung dar und könnten manche Kolleginnen und Kollegen von einer Substitutionsbehandlung abhalten. Das ist bedauerlich.

„Espranor® erleichtert die Vergabe spürbar.“

Christoph Abel

Sie setzen Espranor® seit dem Zeitpunkt der Marktzulassung ein. Wie haben Sie und Ihr Team die Einführung des Medikaments erlebt? Gab es Herausforderungen oder Besonderheiten bei der Implementierung?

Christoph Abel: Ich bin erstmals im Rahmen des Interdisziplinären Kongresses für Suchtmedizin in München auf Espranor® aufmerksam geworden und habe das Präparat anschließend direkt in meiner Praxis eingeführt. Die ersten Anwendungen verliefen etwas holprig: Wir haben das Lyophilisat zunächst direkt aus dem Blister auf die Zunge der Patienten appliziert. Das wurde von den Patienten als unangenehm empfunden und war auch für das Praxispersonal wenig praktikabel.

Inzwischen haben wir den Ablauf optimiert: Das Praxispersonal entfernt die Folie, übergibt den offenen Blister, und der Patient legt das Lyophilisat direkt aus dem Blister selbst auf die Zunge. Der Einnahmevorgang wird dabei beobachtet. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt und gewährleistet eine sichere Anwendungskontrolle – was Espranor® bei uns zu einem sehr wertgeschätzten Produkt macht.

Welche praktischen Erfahrungen haben Sie und Ihr Team bisher mit Espranor® gesammelt, insbesondere in Bezug auf die Handhabung, den Vergabeaufwand, die Wirkung oder Nebenwirkungen?

Christoph Abel: Unsere bisherigen Erfahrungen mit Espranor® sind insgesamt positiv. In Bezug auf Wirkung und Nebenwirkungsprofil unterscheidet sich das Präparat nicht wesentlich von anderen Buprenorphin-haltigen Substitutionsmitteln.

Vereinzelt äußern Patienten Unzufriedenheit mit dem Geschmack. Diese Rückmeldungen sind meist subjektiv geprägt – etwa durch Aussagen wie „Minze ist nicht mein Geschmack“. Ähnliche Reaktionen kennen wir auch bei anderen Präparaten („Orange mag ich nicht“). In solchen Situationen ist es wichtig, genau hinzuhören: Geht es tatsächlich um den Geschmack – oder steckt etwas anderes dahinter?

Ein Patient hob die verkürzte Beobachtungszeit nach der Einnahme von Espranor® als besonders positiv hervor. Ihn hatte das Gefühl gestört, nach der Vergabe „herumsitzen“ zu müssen – gleichzeitig wollte er auf Buprenorphin eingestellt bleiben. In diesem Fall konnte Espranor® die Abläufe deutlich vereinfachen. Die reduzierte Kontrollzeit wurde von ihm als klarer Vorteil empfunden.

Welche Patientin bzw. welcher Patient kann von Espranor® in der Substitutionstherapie besonders profitieren?

Christoph Abel: Grundsätzlich profitieren alle Patienten, bei denen eine Einstellung auf Buprenorphin möglich ist. In unserer Praxis gelingt das bei etwa 20 Prozent der Substituierten.

Die Umstellung auf Espranor® erfolgt anhand eines klaren Schemas, das sich gut umsetzen lässt. Besonders geeignet ist das Präparat für Menschen, die eine klare, nicht-sedierende Wirkung wünschen, z. B. weil sie im Berufsleben stark eingebunden sind. Wichtig ist aber immer eine individuelle, bedürfnisorientierte Indikationsstellung.

Sie haben eingangs die Justizvollzugsmedizin angesprochen. In England wird das Präparat sehr häufig in Haftanstalten eingesetzt. Könnten Sie sich eine Substitution mit Espranor® in Haftanstalten oder im Rahmen der Haftentlassung auch in Deutschland vorstellen?

Christoph Abel: Ich betreue die Substitution einer Außenstelle im offenen Strafvollzug einer Haftanstalt und habe in diesem Rahmen bereits vielfältige Erfahrungen gesammelt. Die meisten Patienten sind dort initial auf Polamidon eingestellt. Ein Wechsel ist grundsätzlich möglich – und wird auch häufiger gewünscht.

Buprenorphin-Depots werden mittlerweile häufiger eingesetzt, das hängt allerdings stark von den Strukturen der jeweiligen Justizvollzugsanstalt ab. Hier zeigt sich, wie unterschiedlich die Versorgung in Deutschland organisiert ist.

Espranor® könnte dabei helfen, Buprenorphin breiter verfügbar zu machen. Die sichere und schnelle Vergabe ist ein klarer Vorteil im Haftkontext. Espranor® wäre somit eine gute Ergänzung – insbesondere für Patienten, die kein Depotpräparat möchten.

Wir bedanken uns für das Gespräch, Herr Abel.

Zur Person

Christoph Abel ist Internist mit langjähriger Erfahrung in der hausärztlichen Versorgung und leitet eine akademische Lehrpraxis im Rahmen des Modellstudiengangs der Universität Bielefeld. Seit Ende der 1990er-Jahren engagiert er sich in der suchtmedizinischen Versorgung. Was ihn an diesem Bereich besonders fasziniert, ist die Notwendigkeit, medizinisches Wissen mit einem ganzheitlichen Verständnis für die Lebenssituation seiner Patientinnen und Patienten zu verbinden. Besonders schätzt er die Möglichkeit, Menschen in die Lage zu versetzen, selbst Entscheidungen zu treffen und aktiv an ihrer Stabilisierung mitzuwirken.

Mit seinem breit gefächerten Programm gab der diesjährige „Jubiläumskongress“ einen intensiven Einblick in aktuelle Entwicklungen der Suchtmedizin und ermöglichte zugleich den fachlichen Austausch auf hohem Niveau. In thematisch vielfältigen Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops wurden unter anderem die Herausforderungen im Umgang mit alten und neuen chemischen Drogen, Stigmatisierung und ihre Folgen sowie neue Erkenntnisse und Entwicklungen im Bereich der Tabakabhängigkeit und Opioidsubstitution beleuchtet. Ein besonderer Fokus lag auf der aktuellen Situation auf dem Substanzmarkt: Anhand von Patient:innenberichten und Analysen sichergestellter Drogenproben wurden die Risiken durch das vermehrte Auftreten neuer synthetischer Substanzen wie Fentanyl und Nitazenen verdeutlicht. Auch Verunreinigungen mit Wirkstoffen aus der Tiermedizin, darunter Ketamin und Xylazin, wurden thematisiert. Internationale Vergleichsdaten sowie die jüngste Entscheidung Chinas, alle Nitazene und weitere neue psychoaktive Substanzen unter nationale Kontrolle zu stellen, lieferten zusätzliche Impulse. Die Beiträge unterstrichen die wachsende Bedeutung gezielter Analysen, eines kontinuierlichen Monitorings und intensiver Forschung zu neuen Drogen. Weitere Schwerpunkte lagen auf innovativen Therapieformen wie der Psychedelika-assistierten Psychotherapie und auf digitalen Anwendungen in der Suchtbehandlung.

Besonderes Interesse galt dem von Ethypharm unterstützten Industriesymposium „Substitutionsbehandlung in Theorie und Praxis – Neue Leitlinienempfehlungen und Versorgungsalltag“. Prof. Dr. Michael Soyka (München) präsentierte dort erste Einblicke in die neue S3-Leitlinie zur Substitutionsbehandlung. Neben praxisrelevanten Empfehlungen skizzierte er anschaulich den Prozess der Leitlinienentwicklung und erläuterte zentrale Studien, die in die Entwicklung eingeflossen sind. Im zweiten Vortrag stellte Joseph Kranert (Regensburg) das Vergabemanagement eines der größten suchtmedizinischen Versorgungszentren Süddeutschlands vor und schilderte ein Jahr praktischer Erfahrung mit Buprenorphin als Lyophilisat zum Einnehmen (Espranor®), veranschaulicht durch aktuelle Patientenfälle. Im Anschluss an die Vorträge entwickelte sich eine lebendige Publikumsdiskussion, bei der auch individuelle Versorgungsrealitäten thematisiert wurden. Zwei Kurzinterviews mit den Referenten rundeten das Symposium ab und gaben Einblicke in ihre persönlichen Eindrücke vom Kongressgeschehen.

Der 25. Interdisziplinäre Kongress für Suchtmedizin hat eindrucksvoll gezeigt, welche zentrale Rolle diese Veranstaltung für die Weiterentwicklung suchtmedizinischer Versorgung in Deutschland spielt. Er überzeugte durch praxisnahe Impulse, wissenschaftliche Tiefe und vielfältige Perspektiven – und bot auch in diesem Jahr erneut eine wichtige Plattform für interdisziplinären Dialog und kollegialen Austausch.

Wer das von Ethypharm unterstützte Symposium verpasst hat oder noch einmal anschauen möchte, kann die Inhalte nachholen.

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Professor Reimer, würden Sie uns als Präsident des diesjährigen ISAM-Kongresses bitte kurz in die Veranstaltung einführen und die Zielsetzung skizzieren?

Rund zwei Jahre lang haben wir diesen Kongress vorbereitet – umso größer war unsere Freude, ihn in diesem Jahr in Hamburg ausrichten zu dürfen. Da der Kongress in der Regel nur etwa alle 20 Jahre in einem Land stattfindet, war dies für uns eine ganz besondere Gelegenheit.

Veranstaltungsort war das Gelände der Universität Hamburg. Unser Anspruch war es, eine fundierte wissenschaftliche Basis mit einer klaren klinischen Perspektive zu verbinden – also Forschung und Versorgung eng zusammenzudenken, mit einem unmittelbaren Bezug zur Praxis.

Unter dem Motto „Think globally, act locally“ wollten wir zunächst den Blick öffnen: Wie stellt sich die Suchtmedizin heute im internationalen Vergleich dar? Welche Entwicklungen prägen andere Länder und Kulturen? Was können wir voneinander lernen – und wie lassen sich diese Impulse konkret in die Versorgung vor Ort überführen?

Mehr als 500 Teilnehmende aus über 50 Ländern haben den Weg nach Hamburg gefunden – darunter auch Menschen aus Regionen, für die eine Reise nach Deutschland mit großen Hürden verbunden ist, etwa aus dem Irak oder Afghanistan. Auch Delegierte aus afrikanischen Ländern waren vertreten.

Die ISAM ist traditionell stark in Nordamerika und einzelnen europäischen Ländern verankert – in Deutschland hingegen bislang weniger. Umso mehr freuen wir uns, dass wir über 500 Teilnehmende begrüßen durften.

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht der ISAM-Kongress für den internationalen Austausch im Bereich der Suchtmedizin?

Ich sehe die Rolle der ISAM vor allem darin, Länder, Kontinente und verschiedene Organisationen an einem Ort zusammenzubringen – um den fachlichen Austausch zu fördern und gemeinsame Diskussionen zu ermöglichen. Die American Society of Addiction Medicine (ASAM) ist vor allem in den USA sehr stark verankert, und viele Teilnehmende der ASAM kommen auch aus Kanada. Uns war es daher ein zentrales Anliegen, diesen Kongress wirklich international auszurichten – mit Plenarrednerinnen und -rednern von allen Kontinenten: aus Südamerika, Nordamerika, aber auch aus Asien und Afrika.

Darüber hinaus bietet der Kongress eine Plattform für die Zusammenarbeit medizinischer Fachgesellschaften – ebenso wie für Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). Diese unterschiedlichen Akteur:innen waren auf dem Kongress vertreten, und ein inhaltlicher Schwerpunkt lag auf dem Austausch über unterschiedliche politische Strategien im Umgang mit dem globalen Drogenproblem.

Und genau das macht die ISAM auch so besonders – im Unterschied etwa zur ASAM oder zu nationalen suchtmedizinischen Gesellschaften: Hier kommen Fachgesellschaften, Länder und Kontinente wirklich zusammen. Und ich denke, dieses Ziel konnten wir mit dem diesjährigen Kongress auch sehr gut verwirklichen.

Gab es Diskussionen oder Debatten, die Sie persönlich als besonders spannend oder vielleicht sogar kontrovers empfunden haben? Welche Themen haben die intensivsten Diskussionen ausgelöst?

Es gab eine Vielzahl relevanter Beiträge – einige möchte ich exemplarisch hervorheben. Der erste Plenarvortrag von Jürgen Rehm thematisierte Regulierungsstrategien im Bereich Alkohol und anderer Substanzen. Besonders eindrücklich war ein Beispiel aus China: Dort zeigte sich, dass ein Antikorruptionsgesetz – das eigentlich andere Ziele verfolgte – erhebliche Auswirkungen auf das Trinkverhalten hatte. Das Gesetz untersagte den Konsum von Alkohol während geschäftlicher Verhandlungen, was zuvor kulturell fest verankert war. Diese Regelung führte zu einem spürbaren Rückgang des Alkoholkonsums in solchen Kontexten. Es war bemerkenswert zu sehen, wie ein politisches Instrument mit völlig anderer Zielrichtung eine massive Verhaltensänderung auslösen kann.

Ein weiteres Beispiel kam von Vitor Tardelli, der den Kokainhandel und -konsum in Südamerika beleuchtete. Er machte deutlich, dass rund 1,2 Millionen Menschen in dieser Industrie beschäftigt sind – eine Größenordnung, die eine einfache Regulierung praktisch unmöglich macht. Um alternative wirtschaftliche Perspektiven zu schaffen, wäre es erforderlich, legale Arbeitsplätze anzubieten, die attraktiver sind als die Arbeit in der Kokainwirtschaft. Das wiederum würde erfordern, dass man sich mit der Frage einer möglichen Legalisierung auseinandersetzt.

Sehr eindrücklich war auch die Präsentation von Olubusayo Akinola aus Nigeria, die gemeinschaftsbasierte Strategien zur Bewältigung drogenbezogener Probleme in afrikanischen Ländern vorstellte. Besonders beeindruckend war die Kombination aus evidenzbasierter Umsetzung und einem sensiblen Umgang mit kulturellen Kontexten. Dabei wurden auch Substanzen thematisiert, die im westlichen Raum kaum bekannt sind, etwa „Kush“ – eine spezielle Cannabisform – oder der Konsum von Knochen Verstorbener. Trotz der kulturellen Unterschiede wirkten die vorgestellten Maßnahmen grundsätzlich übertragbar.

Anju Dhawan sprach über die Situation drogenabhängiger Jugendlicher in Indien – ein dort besonders dringliches Thema. Min Zhao stellte schließlich Neuroimaging-basierte Ansätze zur Neuromodulation vor, ein Thema, das sich auch in verschiedenen Workshops wiederfand.

Wurden auch innovative Ansätze zur Behandlung der Opioidabhängigkeit vorgestellt?

Auch die Opioidabhängigkeit und die orale Agonistentherapie zählten zu den zentralen Themen des Kongresses. Besonders spannend war der internationale Vergleich – sowohl im Hinblick auf die verwendeten Substanzen als auch auf die jeweiligen gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Während in Deutschland der Fokus traditionell auf Methadon liegt, verfolgen Länder wie Frankreich oder verschiedene skandinavische Staaten zum Teil andere therapeutische Ansätze. In mehreren Ländern wird aktuell darüber diskutiert, den Zugang zu Buprenorphin zu erleichtern – nicht zuletzt aufgrund seines im Vergleich zu Methadon sehr günstigen Sicherheitsprofils.

Auch der Einsatz langwirksamer, injizierbarer Präparate variiert international stark. In Deutschland ist es eher unüblich, bei einer Ersteinstellung auf eine Agonistentherapie direkt eine langwirksame Formulierung zu wählen – in anderen Ländern hingegen gehört das zum Standard. Diese Unterschiede lassen sich häufig weniger durch medizinische Erwägungen erklären, sondern vielmehr durch die jeweiligen Strukturen der Versorgungssysteme.

Besonders interessant fand ich auch die Frage, inwiefern digitale Instrumente künftig zur Unterstützung der Opioidagonistentherapie beitragen können.

Ein breites Themenspektrum kennzeichnete das Kongressprogramm. Gab es spezifische Herausforderungen oder Lösungsansätze, die in den Workshops diskutiert wurden – etwa zu Psychedelika oder Sucht im Sport?

Ein Gedanke vorab zum internationalen Austausch: Jeder von uns arbeitet innerhalb eines spezifischen regulatorischen und kulturellen Rahmens. Umso spannender ist es, zu sehen, wie vielfältig Suchtmedizin weltweit umgesetzt wird – und zugleich zu erkennen, dass es nicht nur den einen richtigen Weg gibt.

In Großbritannien wurde etwa die Geschichte der Heroinverschreibung vorgestellt – mit deutlich weniger regulatorischer Kontrolle, als wir sie heute in Deutschland kennen, wo diese Form der Behandlung stark reglementiert und schwer zugänglich ist. Delegierte aus Nordamerika betonten den therapeutischen Wert von Neuroimaging, etwa als Marker zur Bewertung des Behandlungserfolgs. Vertreter:innen aus einkommensschwächeren Regionen hingegen präsentierten gemeindebasierte Interventionen. Das zeigt eindrucksvoll: Wirksame Suchtmedizin kann mit sehr unterschiedlichen Mitteln realisiert werden.

Auch das Thema Sport wurde in seiner Vielschichtigkeit beleuchtet: Einerseits kann Sport selbst ein gewisses Suchtpotenzial entfalten, andererseits kann der Wunsch nach Leistungssteigerung den Substanzkonsum fördern.

Im Themenfeld Psychedelika wurde deutlich, dass bereits eine einmalige Anwendung Veränderungen im Belohnungssystem bewirken kann – mit dem Potenzial, den Konsum anderer Substanzen zu reduzieren. Psychedelische Substanzen gelten insgesamt als wenig schädlich und weisen ein geringes Abhängigkeitspotenzial auf, was sie für bestimmte Patient:innengruppen als pharmakologische Option interessant macht.

Welche Themen stießen bei den Teilnehmenden auf besonders großes Interesse?

Nach meinem Eindruck waren insbesondere die Veranstaltungen zu Neuroimaging sehr gut besucht. Auch drogenpolitische Fragestellungen sowie der therapeutische Einsatz von Psychedelika fanden viel Aufmerksamkeit. Darüber hinaus gab es auch eher spezielle Formate – etwa einen Beitrag zum Substanzkonsum in „Der Herr der Ringe“. Selbst solche Sitzungen fanden ein interessiertes Publikum. Insgesamt war die thematische Bandbreite beachtlich – sie reichte von klinischen Fragen über politische und therapeutische Ansätze bis hin zu Literatur und Spiritualität.

Welche Trends oder Zukunftsthemen wurden aus Ihrer Sicht besonders intensiv diskutiert?

Ein zentrales Thema des Kongresses war die Neuromodulation – insbesondere beim Innovationstag sowie in mehreren wissenschaftlichen Sitzungen. Im Kern geht es darum, die Funktionsweise des Gehirns besser zu verstehen. Auch wenn diese Erkenntnisse bislang nur begrenzt in der klinischen Praxis Anwendung finden, bergen sie großes Potenzial.

Während bildgebende Verfahren in der Inneren Medizin längst zum Standard gehören, etwa zur Verlaufskontrolle, werden sie in der Suchtmedizin bisher kaum eingesetzt. Das wirft die grundsätzliche Frage auf, ob wir künftig stärker in aufwendige Diagnostik investieren sollten – oder eher in präventive Ansätze.

Ein weiteres Thema war der Umgang mit regulatorischen Vorgaben in der Opioidagonistentherapie. Die Schweiz verfolgt hier einen weniger streng regulierten und deutlich weniger ideologisch geprägten Ansatz – mit bemerkenswert positiven Ergebnissen. Ich bin überzeugt, dass wir davon lernen können.

Gab es Diskussionen über digitale Anwendungen in der Versorgung?

Auch die Frage, ob eine begleitete Opioidagonistentherapie digital erfolgen könnte, wurde diskutiert. Besonders für ländliche Regionen, in denen der Zugang zur Behandlung erschwert ist, könnte ein digitales Monitoring eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Zwar sind die Distanzen in Deutschland deutlich geringer als etwa in Kanada oder den USA – dennoch ist die Versorgung auch hierzulande in ländlichen Regionen teilweise lückenhaft.

Ich halte diesen Ansatz für eine interessante Perspektive – zumal viele Patient:innen ohnehin regelmäßig Routinedaten per Smartphone erfassen. Voraussetzung wäre allerdings, dass klare Strukturen für die digitale Kommunikation geschaffen werden, etwa durch verbindliche Kontaktzeiten und festgelegte Erreichbarkeiten.

Zwar lässt die aktuelle Rechtslage in Deutschland solche Modelle bislang kaum zu – dennoch sollten wir den Blick nach vorn richten und über neue Versorgungsansätze nachdenken.

Welche Rolle könnten soziale Medien oder digitale Plattformen in der Prävention spielen?

Gamification-Ansätze könnten dabei helfen, gesundheitsförderndes Verhalten zu stärken – etwa durch das Sammeln von Punkten oder das Erreichen bestimmter Levels. Solche Mechanismen haben sich in verschiedenen Kontexten bereits als wirksam erwiesen. Natürlich gilt es, potenzielle Risiken im Blick zu behalten, etwa die Gefahr, dass daraus ein eigenes suchtähnliches Verhalten entsteht. Doch mit einer klugen Gestaltung lassen sich solche Effekte begrenzen.

Was den direkten Patient:innenkontakt betrifft: Wenn jemand nicht persönlich in die Praxis kommen kann, sehe ich keinen Grund, der gegen eine Kommunikation per Videokonferenz spricht. Technisch ist das längst unkompliziert möglich – wir sollten diese Möglichkeiten sinnvoll nutzen.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Substitutionsbehandlung – national wie international?

Die Opioidkrise in den USA hat bislang nicht auf Europa übergegriffen – unter anderem, weil wir insgesamt zurückhaltender mit Opioiden umgehen. Aber ich bin nicht sicher, ob unsere derzeitige Regulierung der Opioidagonistentherapie im Rahmen des Betäubungsmittelrechts wirklich hilfreich ist. Die Vorgaben der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV) machen den Zugang zur Behandlung unnötig kompliziert und unattraktiv für viele Ärzt:innen. Länder wie Frankreich zeigen, dass es auch einfacher geht: Dort können Hausärzt:innen Buprenorphin vergleichsweise problemlos verordnen. In anderen Teilen der Welt, etwa in den arabischen Ländern, ist schon die Diagnose einer Suchterkrankung gesellschaftlich hochsensibel. Das erschwert jede Form der Hilfe. In Deutschland haben wir Fortschritte bei der Entstigmatisierung gemacht – aber in der Regelversorgung erleben Betroffene etwa mit Alkoholvergiftung noch immer Stigmatisierung.

Welche Entwicklungen im Bereich der Substitution fanden Sie besonders interessant?

Ein beim Innovationstag vorgestellter Ansatz war die Immunisierung gegen Drogenkonsum – ich bin gespannt, ob sich dieses Verfahren in der Praxis bewähren wird. Auch die Terminologie spielte eine wichtige Rolle: International wird längst von „Opioidagonistentherapie“ gesprochen, während in Deutschland meist der Begriff „Substitution“ verwendet wird. „Therapie“ unterstreicht den medizinischen Charakter der Behandlung und kann zur weiteren Entstigmatisierung beitragen.

Wichtig ist in diesem Kontext auch das Prinzip der gemeinsamen Entscheidungsfindung: Verschiedene Behandlungsansätze sollten offen diskutiert, Vor- und Nachteile gemeinsam abgewogen sowie Sicherheitsaspekte sorgfältig berücksichtigt werden.

Könnte Motivational Interviewing hier eine Rolle spielen?

Viele Ärzt:innen, die Opioidagonistentherapie anbieten, verfügen über die Qualifikation zur suchtmedizinischen Grundversorgung – und dabei ist Motivational Interviewing ein fester Bestandteil. Natürlich lässt sich diese Methode nicht bei jedem einzelnen Kontakt umfassend anwenden. Dennoch ist die zugrunde liegende Haltung entscheidend: Die Patientin oder den Patienten so anzunehmen, wie sie oder er ist, Verantwortung zu übertragen und sie oder ihn auch durch Rückfälle zu begleiten. Diese Haltung empfinde ich persönlich als besonders wertvoll.

Was bedeutet der internationale Austausch für Sie – beruflich wie persönlich?

Im Jahr 2002 habe ich einen der ersten ISAM-Kongresse in Reykjavík besucht – und rund 20 Jahre später durften wir ihn in Deutschland ausrichten. Das war eine ganz besondere Erfahrung für mich. Der direkte Austausch mit Kolleg:innen aus aller Welt ist äußerst wertvoll. Man erhält Einblicke in verschiedene Versorgungssysteme, hinterfragt die eigene Praxis und erkennt, dass viele Bedenken sich in der Realität oft nicht bestätigen. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Impulse aus dem diesjährigen Kongress auch in deutsche Fachveranstaltungen einfließen.

Der nächste ISAM-Kongress findet übrigens im Oktober 2026 in Rotterdam statt – eine gut erreichbare Location ohne lange Reisewege. Eine hervorragende Gelegenheit, den internationalen Dialog fortzusetzen.

Welche Themen wären für einen zukünftigen ISAM-Kongress aus Ihrer Sicht besonders relevant?

In Deutschland stehen verschiedene Substanzen zur Verfügung: Methadon, Buprenorphin, retardiertes orales Morphin sowie teilweise Codein, Dihydrocodein und Diamorphin. Langwirksame Präparate sind bisher ausschließlich für Buprenorphin erhältlich. Derzeit wird zudem eine orale Form von Diamorphin diskutiert. Damit besteht zwar eine gewisse Vielfalt, doch ein Blick auf die Marktverteilung zeigt, dass Methadon klar dominiert, Buprenorphin an zweiter Stelle folgt und die übrigen Substanzen nur eine marginale Rolle spielen.

Natürlich wäre die Einführung eines neuen, besonders wirksamen Präparats wünschenswert. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch ein erleichterter Zugang zu den bereits verfügbaren Medikamenten. Auch die Art der Verschreibung sowie der Versorgungsrahmen sollten Teil der Diskussion sein – beispielsweise, ob es Hausärzt:innen künftig erleichtert werden kann, ein sicheres Medikament wie Buprenorphin zu verordnen.

Was würden Sie jungen Kolleg:innen empfehlen, die sich für die Suchtmedizin interessieren?

Die Arbeit in der Suchtmedizin wird nicht immer in dem Maße anerkannt, das ihr gebührt – auch weil sie häufig mit zusätzlichen Herausforderungen verbunden ist. Umso wertvoller ist der Austausch auf nationaler und internationaler Ebene, der eine wichtige Unterstützung darstellt. Wir betreuen Patient:innen mit schwerwiegenden Erkrankungen und in komplexen Lebenslagen. Das ist eine bedeutende und erfüllende Aufgabe.

Auch wenn wir nicht immer dieselbe Anerkennung erfahren wie beispielsweise die Kardiologie oder Chirurgie – durch gegenseitige Unterstützung können wir gemeinsam viel bewirken.

Vielen Dank, Herr Professor Reimer.

Prof. Dr. med. Rainer Reimer ist Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin (ZPM) am Klinikum Itzehoe und stellvertretender Ärztlicher Direktor des Hauses. Er leitet zudem das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) an der Universität Hamburg. Seine wissenschaftliche Arbeit fokussiert sich auf die klinische und versorgungsbezogene Erforschung von Psychosen und Abhängigkeitserkrankungen. In diesem Feld ist er an über 150 Publikationen beteiligt und gilt als ausgewiesener Experte für die Schnittstelle zwischen Forschung und Versorgung in der Suchtmedizin.

Ziel des Kongresses war es, vor dem Hintergrund steigender Überdosisraten und eines dynamischen Drogenmarkts tragfähige und praxisnahe Lösungsansätze für die Suchtmedizin in Deutschland und Europa zu erarbeiten.

Im Zentrum der diesjährigen Veranstaltung mit dem Motto: „Überdosiskrise in Europa? Lehren aus Nordamerika – Konsequenzen für die Zukunft“ stand die Analyse der nordamerikanischen Überdosiskrise sowie die Ableitung konkreter Handlungsperspektiven für Deutschland und Europa. Im Fokus stand dabei der Auf- und Ausbau einer gesamtgesellschaftlich getragenen Versorgungslandschaft mit einem ganzheitlichen Präventions- und Therapieverständnis.

Botschaften und Kernerkenntnisse des Kongresses im Überblick

Wege in die Zukunft – Forderungen und Empfehlungen aus der Konferenz

Als Fazit der Biennale wurden drei zentrale Handlungsfelder genannt, die als Grundlage für eine zukunftsfähige Versorgungsstrategie dienen sollen:

  1. Etablierung eines interdisziplinären Alarmsystems
    Ein umfassendes, schnelles und ressortübergreifendes Monitoring-System, welches auf verschiedenen Ebenen ansetzt – etwa bei Betroffenen, in der Abwasseranalytik, in Laboren, bei medizinischen Einrichtungen und bei der Polizei – soll relevante Daten über das Auftreten und die Verbreitung von psychoaktiven Substanzen schnell verfügbar machen. Ziel ist eine frühzeitige Identifikation von Trends im Substanzgebrauch sowie das schnelle Erkennen von Gesundheitsgefahren durch neue psychoaktive / hochpotente Substanzen.
  2. Ausbau von Hilfesystemen und Präventionsangeboten
    Die Expertinnen und Experten betonten die Notwendigkeit eines diversifizierten niederschwelligen Angebots zur Prävention und Aufklärung. Besonders hervorgehoben wurde die Rolle von Schulen und Konsumszenen als Hauptpräventionsorte, die Weiterleitung aus Notfallambulanzen und die Einbeziehung von Hilfenetzwerken.
  3. Implementierung ganzheitlicher Therapiekonzepte
    Medizinische, psychologische und soziale Komponenten sollen integrativ gedacht und umgesetzt werden – optimalerweise in enger Kooperation mit politischen Entscheidungsträgern und lokalen Akteurinnen und Akteuren aus Gesundheit, etwa in Form von interdisziplinären Round Tables.

Die Stuttgarter Biennale 2025 verdeutlichte eindrücklich die Dringlichkeit struktureller Veränderungen in der Suchtmedizin. Die vorgestellten internationalen Erfahrungen und interdisziplinären Beiträge zeigten nicht nur die Möglichkeiten effektiver Frühintervention und Prävention, sondern unterstrichen auch die Notwendigkeit politischer Entschlossenheit und sektorübergreifender Zusammenarbeit zur Vorbeugung und Bewältigung zukünftiger Herausforderungen.

Ziel dieser interdisziplinären Veranstaltung ist die Vernetzung und Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitenden aus Arztpraxen, Apotheken, der Drogenberatung, Gefängnismedizinerinnen und Gefängnismedizinern und Mitarbeitenden des AMEOS-Klinikums, die direkt mit Substitutionspatientinnen und -patienten arbeiten. Neben der Vorstellung des bestehenden Netzwerkes und Drogenhilfesystems gab der Osnabrücker Substitutionsexperte Dr. Carsten Brau einen Überblick über die aktuelle Situation einschließlich der Fentanyl-Problematik und stellte einen innovativen Behandlungsansatz in der Opioidsubstitution vor. Anschließend gab es von Indro e.V. Münster einen aktuellen Einblick zu Veränderungen in der Drogenszene und deren Bedeutung. Der Beitrag eines durch Podcast und YouTube bekannten Betroffenen bildete den Abschluss dieser von Hexal geförderten Veranstaltung. Das Treffen bot wertvolle Einblicke, spannende Diskussionen und zahlreiche fachliche Impulse, die die regionale Zusammenarbeit in der Suchthilfe nachhaltig stärken können.

Unter der Schirmherrschaft des hessischen Justizministers Christian Heinz und moderiert von Dr. Karlheinz Keppler sowie Prof. Dr. Heino Stöver, bietet die Veranstaltung eine Plattform für praxisnahe Diskussionen, innovative Behandlungsansätze und spannende Schwerpunkte wie COPD, Epilepsie, sowie Schmerztherapie bei Substitutionspatientinnen und -patienten. Freuen Sie sich auf wertschöpfenden Austausch und interaktive Arbeitsgruppen. Und: besuchen Sie uns gern am Stand Nr. 14 – wir freuen uns auf Sie!