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Interview „Suchtpunkt“ mit Norman Zipplies

In dieser Folge unserer neuen Interviewreihe „Suchtpunkt“ haben wir mit dem Diplom-Sozialpädagogen über psychosoziale Begleitbetreuung für Substituierte gesprochen.
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„Veränderung ist ein Prozess“

Norman Zipplies

Herr Zipplies, Sie arbeiten seit vielen Jahren in der psychosozialen Betreuung von Substituierten. Warum ist diese Begleitung neben der medikamentösen Behandlung so entscheidend?

Norman Zipplies: Die Substitution hat klare Ziele: körperliche und psychische Stabilisierung, Distanzierung von der Drogenszene und eine Reduktion von Risiken und Delinquenz. Aber Medikamente allein reichen nicht. Viele Patientinnen und Patienten bringen schwere Belastungen mit – traumatische Erfahrungen, psychische Begleiterkrankungen, soziale Isolation, Arbeitslosigkeit oder prekäre Wohnsituationen. Die psychosoziale Begleitbetreuung (PSB) bietet hier Orientierung, Unterstützung im Alltag und vor allem Beziehung. Sie schafft einen Raum, in dem Menschen lernen können, sich selbstwirksam zu erleben.

 

Welche konkreten Angebote umfasst die PSB?

Norman Zipplies: Das Spektrum ist breit. Wir führen Beratungsgespräche mit Betroffenen und Angehörigen, bieten Krisenintervention, unterstützen bei behördlichen Angelegenheiten oder bei der Wohnungssuche. Wir vermitteln in weiterführende Hilfen – sei es Entgiftung, Rehabilitation oder stationäre Therapie. Manche Patientinnen und Patienten brauchen eine Art „Sekretärin oder Sekretär“ – eine Person, die sie im Kontakt mit Einrichtungen wie dem Jobcenter oder den Stadtwerken unterstützt – andere jemanden, der zuhört, Mut macht oder einfach da ist. Manchmal geht es sogar um Seelsorge oder Sterbebegleitung. Entscheidend ist, flexibel auf die jeweilige Lebenslage zu reagieren.

 

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit substituierenden Ärztinnen und Ärzten?

Norman Zipplies: Sie ist zentral. Nur im regelmäßigen Austausch lassen sich Rückfälle, steigender Beikonsum oder auch eine geplante Dosisreduktion gemeinsam begleiten. Ärztinnen bzw. Ärzte und psychosoziale Fachkräfte ergänzen sich: Die Ärztin bzw. der Arzt stabilisiert pharmakologisch, wir unterstützen psychosozial. Studien zeigen, dass diese Kombination einer rein medikamentösen Substitutionstherapie überlegen ist. Wichtig ist aber auch: Eine Substitutionsbehandlung darf nicht verweigert werden, wenn jemand die PSB nicht wahrnimmt – außer bei Diamorphin, wo in den ersten sechs Monaten psychosoziale Betreuung verpflichtend ist.

 

Viele Patientinnen und Patienten scheitern mehrfach an Veränderungsprozessen. Sie arbeiten mit dem „Transtheoretischen Modell“ von Prochaska und DiClemente. Wie hilft es Ihnen im Alltag?

Norman Zipplies: Dieses Modell beschreibt, dass eine Verhaltensänderung nicht linear, sondern in Phasen, verläuft. Wir unterscheiden fünf Stadien:

  1. Absichtslosigkeit („niemals“): Es besteht kein Problembewusstsein und kein Interesse, etwas zu verändern. Eine Auseinandersetzung wird vermieden; häufig zeigen sich Resignation, Rationalisierung oder offene Rebellion. In dieser Phase ist es wichtig, Informationen zu geben, nach emotionalen Bezügen zu suchen, alternative Sichtweisen anzubieten und oft auch das Selbstvertrauen der Betroffenen aufzubauen.
  2. Absichtsbildung („eines Tages“): Die Betroffenen setzen sich bewusst mit dem Problem auseinander, haben aber noch keine konkreten Pläne. Ambivalenz ist typisch – die wahrgenommenen Vor- und Nachteile halten sich die Waage. Sie sind interessiert, aber noch nicht entschlossen. Hilfreich sind motivierende Strategien wie das Führen von Tagebüchern sowie kleine Impulse, die Veränderungen anstoßen.
  3. Vorbereitung („bald“): Die Motivation zur Veränderung ist hoch, oft mit dem Ziel, in den nächsten 30 Tagen konkrete Schritte einzuleiten – die Entscheidung ist also bereits gefallen. An diesem Punkt können wir Alternativen aufzeigen, realistische und akzeptable Veränderungsschritte entwickeln und verbindliche Vereinbarungen mit den Substituierten treffen.
  4. Aktion („jetzt“): In dieser Phase werden konkrete, sichtbare Veränderungsschritte mit viel Entschlossenheit und Engagement umgesetzt. Das Risiko für Rückfälle ist in dieser Phase allerdings hoch. Deshalb kommt der Stärkung des Selbstvertrauens, der Rückfallprophylaxe und dem Einrichten regelmäßiger Kontakte, die Halt und Orientierung geben, eine besonders wichtige Rolle zu.
  5. Aufrechterhaltung („immer“): Die Veränderungen werden über längere Zeit durchgehalten und das neue Verhalten verfestigt sich. Zentral sind Skill-Training, kontinuierliche Begleitung und Hilfestellung, um die neuen Muster zu stabilisieren und Rückfällen vorzubeugen.

Dieses Modell verdeutlicht: Rückfälle sind kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses. Wer das versteht, bleibt empathisch und kann sowohl fordernd als auch fördernd agieren.

 

Was ist Ihr persönliches Anliegen in der Arbeit mit Substituierten?

Norman Zipplies: Es geht mir darum, Menschen in ihrer Eigenverantwortung zu stärken und ihre Ressourcen sichtbar zu machen. Viele erleben sich seit Jahren als „defizitär“ oder stigmatisiert. PSB bedeutet, Wertschätzung zu geben, Vertrauen zu schaffen und Perspektiven zu eröffnen. Ärztinnen und Ärzte können hier eine Schlüsselrolle spielen, indem sie die psychosoziale Begleitung aktiv ansprechen und als gleichwertigen Bestandteil der Behandlung vermitteln. Denn nur wenn pharmakologische und psychosoziale Ansätze zusammenspielen, eröffnen sich echte Chancen für nachhaltige Veränderung.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Norman Zipplies: Mehr gegenseitiges Verständnis zwischen den Professionen – und den Mut, die Behandlung konsequent patientenzentriert zu denken. Veränderung ist ein Prozess. Wenn wir diesen Weg gemeinsam gehen, haben unsere Patientinnen und Patienten die besten Chancen, wieder Vertrauen in sich selbst und ihre Zukunft zu gewinnen.


Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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